30.11.2011 -358-

Hermine und Vika mochten sich auf den ersten Blick, so wie sich im Tierreich Hund und Katz mögen oder in der Kriminalliteratur Sherlock Holmes und Doktor Moriarty. Taxierende Blicke aus eiskalten Augen über einem Mund im Dauergefrierlächeln. Und ich? Ich stand mal wieder zwischen sämtlichen Fronten, das Objekt der Begierde und das der emotionalen Zerstörung gleichermaßen.

„Ich kann nicht lange bleiben“, sagte Hermine, „weil ICH muss ja arbeiten.“ Oha, das saß. Wir setzten uns ebenfalls. Ich bemühte mich um einen geschäftsmäßigen Ablauf der infernalischen Dreierbeziehung, brachte Hermine in kurzen Worten auf den neuesten Stand der Dinge, Vika schwieg, immer noch in die Betrachtung Hermines vertieft, die ihrerseits in die Betrachtung Vikas vertieft war und meinen Worten außer mit angedeutetem Kopfnicken keine Beachtung zu schenken schien. Weiber, dachte ich resigniert und, wenig politisch korrekt, sie brechen immer alles gleich auf die hormonelle Ebene runter, dabei ging es doch hier um Ereignisse globalen Ausmaßes. Denke ich etwa an Sex? Erregen mich Hermines Brüste oder Vikas Allerwertester? Ach was! Meine Gedanken sind voll auf die Errettung der Menschheit von allen Übeln fixiert, drehen sich permanent um Recht und Gerechtigkeit. Ende der Märchenstunde.

„Was trinken?“ spielte ich den perfekten Gastgeber, erntete jedoch nur weibliches Schweigen. Dann eben nicht. „Wie lange bleiben SIE?“ wollte Hermine wissen. „WO?“ fragte Vika zurück, „in der Stadt oder HIER?“ „Sowohl als auch“, präzisierte Hermine. „Weiß noch nicht“, verschleierte Vika. „Aha“, kommentierte Hermine. „Tja“, setzte ich das Sahnehäubchen auf dieses erstaunliche Zeugnis weiblicher Kommunikation. Zwei Blicke trafen mich wie die tödlichen Alphastrahlen aus der futuristischen Waffe eines mit bösartigen Absichten auf der Erde gelandeten Außerirdischen.

Noch nie hatte mich das Läuten eines Handys mehr erleichtert als jetzt. Vikas Handy. Sie ging ran, hörte konzentriert zu, setzte eine längere Kette von „hms“ in die Welt. Beendete das Gespräch mit „Okay, dann kommst einfach jetzt zu uns. Nee, musst nicht länger die Füße in Bauch stehen. Aber pass auf, ob dir jemand folgt.“ Sie gab dem Anrufer – unzweifelhaft Borsig – die Adresse. „Borsig“, informierte sie uns. „Er ist diesem Schnüffel gefolgt, was schwierig war, denn die sind mit dem Bus aus der Stadt gefahren. Auf irgend so einen komisch alternativen Bauernhof.“ Bei Hermine und mir klingelte es gleichzeitig. Den Bauernhof kannten wir.

„Interessant“, fand ich es interessant und stand damit, wie mit jeder meiner bisherigen Äußerungen, ziemlich allein auf weiter Flur. Denn Hermine und Vika musterten sich weiter. Legten die zarten Falten ihrer Gesichter zu sprechenden Bildern der Süffisanz und Hochverachtung zusammen, zogen die Augenbrauen bis zur Grenze der Schwerbeleidigung hoch. „Nicht doch was zu trinken?“ Ich lernte es anscheinend nie. „NEIN!“ brüllte Hermine sensibel. Und Vika, sensationellerweise mit Hermine einer Meinung, differenzierte: „WIR HABEN KEINEN DURST!“

Hermine würde zu spät in die „Bauernschenke“ kommen, aber ich hatte tatsächlich dazugelernt und verkniff mir den Hinweis darauf. Irgendwo tickte eine schwere Uhr, obwohl nicht einmal eine leichte im Raum war. Spielte sich wohl in meinem Kopf ab. Die Uhr einer Zeitbombe, ticktack. Nie war mir die Aussicht, Borsig zu sehen, verlockender gewesen als jetzt, aber der Bursche ließ sich Zeit und die Uhr tickte weiter. Mein Mund war trocken, mein Hals war trocken. Sollte ich aufstehen und mir was zu trinken holen? Was würde passieren, wenn ich mich bewegte? Nichts Gutes, befürchtete ich. Bald. Die Zeitbombe. Ticktack. Erscheine, Borsig, rette mich!

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