29.11.2011 -357-

„Der Deutsche“, raunte Halgrim Björnson. „Seit der Deutsche auf die Insel gekommen ist, herrscht hier der Wahnsinn. Dieser Konsul.“ Die anderen am Tisch nickten. „Aber ich hab gehört, den haben sie jetzt auch hopps genommen“, sagte ein Grauköpfiger. Auch das wurde abgenickt. „Würde mich nicht wundern, wenn sie ihn in der Thingvellir-Schlucht finden würden. Eines Tages. Zerschmettert.“ Jetzt nickten alle kräftig. Genau. Wäre nicht der erste. In letzter Zeit hatten sich die Fälle mysteriöser Tode am alten Versammlungsplatz der Isländer gehäuft. Und die Behörden waren daran nur mäßig interessiert.

Reykjavik, Island, Nachmittag. Das halbe Dutzend älterer Männer hockte vor teurem Bier, das sie sich für ihre Gutscheine gekauft hatten. Geld gab es ja nicht mehr. Offiziell jedenfalls. „Wer’s glaubt“, dachte Björnson laut. „Das ist doch von langer Hand geplant, da haben einige ihre Penunze außer Landes geschafft. Ist doch Marktwirtschaft, oder? Und wie funktioniert die? Was es in rauen Mengen gibt, verliert an Wert. Was selten ist, wird kostbar. Wir haben unser Geld verbrennen müssen, es ist also selten. Also wird es kostbar und wer noch welches besitzt, wird daran verdienen. Oder sehe ich das falsch?“

Reykjavik, Island, eine Kneipe in der Innenstadt. Fünf Männer taten kund, Halgrim Björnson sehe das völlig richtig. Man würde sich wehren müssen. Aber wie? Es gab nicht einmal mehr telefonischen Kontakt zur Außenwelt, kein Internet, kein Garnichts. Durch die Straßen patrouillierten Männer mit blauen Armbinden, niemand wusste, wer sie geschickt hatte. Ausländer waren gesehen worden, im Regierungsviertel, in den reicheren Vierteln außerhalb. Niemand kannte sie.

„Sigurd hat versucht, mit seinem Boot von der Insel zu kommen.“ Ein Rothaariger mit noch roterer Nase sagte es einfach so. Und setzte hinzu: „Man hat ihn erwischt. Sitzt im Gefängnis, seine Frau darf ihn nicht besuchen.“ Ja, das Leben war gefährlich geworden. „Wenn man wenigstens telefonieren könnte“, wünschte sich Björnson. „Meine Tochter Nancy lebt ja in Deutschland.“ Das wussten alle. Nancy, die gigantische Bildhauerin, kam nach ihrer Mutter, ebenfalls ein Albtraum von Weib, um das sie Halgrim stets beneidet hatten. „Ich verstehe nicht, wie die das schaffen. Dass wir nicht mehr telefonieren können, meine ich.“

Reykjavik, Island, immer noch Nachmittag, immer noch die Kneipe in der Innenstadt, immer noch ein Halbdutzend älterer Männer vor ihrem Bier. Einer von ihnen, er hieß Aasgeir Gudmundson, eigentlich ein schweigsamer Mensch, wettergegerbt von den Tagen und Nächten auf See, murmelte „ja, ja“. Keiner der anderen erinnerte sich an eine längere Rede Aasgeirs, jedenfalls nicht, seit die Sängerin Björk die Insel verlassen hatte und zu Weltruhm gelangt war. Damals hatte Aasgeir Gudmundson diesen Umstand mit einem weit ausgeholten „Oh ja, hm“ kommentiert.

Er nahm tief Luft. Die anderen erstarrten und vergaßen zu atmen. Dann sagte Aasgeir Gudmundson in einer nie geahnten langen Rede: „Müsste man was machen. Mit dem Telefonieren. Is technisch möglich. Ich guck mal.“ Sofort schnappte er wieder nach Luft, denn er war tiefrot angelaufen. Er trank einen kräftigen Schluck Bier und lehnte sich erschöpft zurück. „Gute Idee“, lobte Halgrim Björnson, den sie „die Plappermaschine“ nannten, weil er einmal 139 Wörter am Stück geredet hatte, davon waren 67 „Scheiße“ und „Hurensöhne“ gewesen.

Es war dunkel. Es war eigentlich immer dunkel zu dieser Jahreszeit, nur ein oder zwei Stunden nicht, aber das fiel meistens nicht auf. Draußen gingen zwei Männer mit blauen Armbinden vorbei, lugten durch das Fenster in die Kneipe, gingen weiter. „Idioten“, zischte der Rothaarige und ein Blonder bestätigte: „Idioten“. Dann schwiegen sie wieder. Bis Aasgeir Gudmundson abermals eine Menge Luft einatmete und zur zweitlängsten Rede seines Lebens ansetzte. „Ich geh dann mal gucken. Wegen Telefon. Meld mich dann.“ Die Männer nickten. Ihre Biere hatten sie längst ausgetrunken.

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