28.11.2011 -356-

Wie gut, dass kein Drehbuchautor in der Nähe war. Er hätte sofort das Skript für eine seichte deutsche Fernsehkomödie geschrieben, Vika und ich als unfreiwillige Hauptdarsteller, die verlegen, verkrampft, verklemmt in einer fremden Wohnung sitzen, verstohlene Blicke in Richtung Schlafzimmer werfen und den ewigen Kampf zwischen Moral und Lust nachspielen. Dabei hatte Vika, als wir die Wohnung betraten, kategorisch festgestellt: „Kein Sex, okay?“ Aber schon Kant hatte einen kategorischen Imperativ nach dem anderen losgelassen und das nur, weil er von seiner Angst vor dem Poppen ablenken wollte. Das hätte der Drehbuchautor natürlich nicht geschrieben.

Zunächst lenkten wir uns erfolgreich ab, indem wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge brachten. Vika erzählte von Jersey, von Mareike, verschwieg auch das erotische Intermezzo nicht, wohlwissend, dass Männer in lesbischer Liebe keinen Affront gegen ihre Männlichkeit sehen, sondern doppelte Munition für die Bilderkanone ihres Kopfkinos. Ich erzählte von Günther Rath und allem anderen, Kriesling-Schönefärbs mutiger Tat, dem fröhlichen Bullenkessel in der „Bauernschenke“ und der überraschenden Wende in Großmuschelbach, wo Sonja Weber rund um die Uhr von irgendwelchen Tanzveranstaltungen beschallt wurde, aber vorläufig in relativer Sicherheit war.

„Was weißt du über sie? Kann man ihr trauen?“ Gute Frage, delikate Frage. Ich verkniff mir eine klare Antwort, wog nur den Kopf, dieses quengelnde Kleinkind. „Sie ist wie Wasser“, konstruierte ich ein Bild, „und ich versuche es in einem Sieb aufzufangen.“ Vika nickte. „Sind die meisten Menschen.“ Jetzt wurde es tatsächlich philosophisch. Ist ja nichts Neues. Wenn sich Menschen von ihren natürlichen Bedürfnissen ablenken wollen, schaffen sie sich künstliche und quatschen über Gott und das Allgemein-Menschliche. In Wahrheit zogen sie sich in Gedanken gerade aus. Alle Philosophie ist letztlich der Versuch, nicht zum Behufe des Geschlechtsverkehrs im Bett zu landen, hat ein kluger Mann einmal gesagt, nein, das habe ich soeben gedacht und die noch klügere Vika lächelte, als wisse sie das und dann sagte sie: „Ich hab Hunger.“

Das war so eindeutig zweideutig, dass wir aufstanden, aufeinander zu gingen, uns die Kleider von den Leibern rissen, anstarrten, ja, erstarrten. Fünf Sekunden wurden zu fünf Stunden, bis Vika abermals sagte: „So, jetzt ziehen wir uns wieder an und essen Pizza.“ Wir zogen uns wieder an und machten Pizza. Die Tiefkühltruhe des Russen war voll davon, sämtlich Meeresfrüchte mit Peperoni.

Danach schauten wir fern und führten endlich eine normale, sehr harmlose platonische Ehe. Zuerst essen, dann fernsehen, dann ins Bett und sofort einschlafen. Natürlich gab es hier ein Gästezimmer, so dass eventuelle Ausbrüche erotischer Natur, wie sie beim Teilen einer Bettstand nie ganz auszuschließen sind, gar nicht erst zu befürchten waren. Hermine wäre stolz auf mich gewesen, gottlob war sie nicht anwesend und wohl gerade auf dem Weg zu ihrer Arbeit in der „Bauernschenke“. In diesem Moment klingelte es an der Tür.

„Na, mein Lieber, da staunst jetzt aber, gell?“ Ich hätte die Tür nicht öffnen sollen. Was, wenn zwei Killer davor gestanden hätten? Es war aber schlimmer gekommen, Hermine stand davor. Schob mich zur Seite und betrat die Wohnung. Wenn Vika fragen würde „Wer ist es denn, Schatz?“, konnte ich mein Testament machen. Vika fragte: „Wer stört denn da unsere traute Zweisamkeit?“ und ich machte mein Testament.

Die beiden Frauen musterten sich. Das war Konkurrenz. Bloß nichts anmerken lassen. Freundlich sein. Beherrscht. Philosophie eben. „Ich dachte, du wärst in der Kneipe?“ dachte ich blöderweise laut. „Tja“, sagte Hermine, „da sieht man mal wieder, dass Denken nicht immer hilft. Willst mich der Dame nicht vorstellen? Obwohl… ich weiß ja, wer sie ist. Oxana hat mich informiert.“ Die Luft knisterte. Ich habe keine Ahnung, wie das ist, wenn Luft knistert. Aber sie tat es. Ich spürte das.

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