27.11.2011 -355-

Reykjavik, Island, das Wetter: Eigentlich ein schöner und sonniger Tag, bisschen kalt, aber hey, was erwartet man von Island? Nur leider: Total verraucht alles, nebliger als London in den Edgar-Wallace-Filmen, schwarzer Nebel, stinkender Nebel, von wegen Geld stinkt nicht. Gibs auf, die Hand vor den Augen sehen zu wollen, die Menschen tappen hustend die Laugarvegur hoch, Prachtsträßchen der Hauptstadt, na wenigstens können sie nicht mehr die Preisschildchen in den Schaufenstern erkennen, Preise, bei denen einem schlecht wird, weil man sie nicht bezahlen kann.

Und jetzt die gute Nachricht: Auch nicht mehr bezahlen muss. Mit was denn auch. Alles Geld ist verbrannt. Uniformierte Trupps durchsuchen die letzten einsamen Häuser am Rande der Gletscher, wenn sie verstecktes Geld finden, wird die Strafe an Ort und Stelle vollzogen, zehn mit der Reitpeitsche auf den Blanken (bei Männern ab 16), Teeren und Federn (bei Frauen ab 16), ein vorwurfsvolles „Du, du, du“ (bei Männern oder Frauen mit Beziehungen). Aber keine Angst: Der Rauch wird abziehen. Er steigt immer höher, lässt sich vom Wind packen, treibt über das Meer, verschwindet am Horizont. Er breitet sich aus. Er wird alles umhüllen, alles bedecken.

Island, Reykjavik, die Lage: Da auch Isländer essen müssen, aber kein Geld mehr haben, um Nahrung zu kaufen, gibt es jetzt Bezugsstellen für die Grundbedürfnisse der Existenz. Vor allem: Fisch. Den zieht man nach wie vor in rauen Mengen aus dem Ozean, den liefert man ab und erhält einen Gutschein dafür, einen Gutschein, mit dem man sich Brot kaufen kann, das die Bäcker backen, die dafür Gutscheine erhalten haben, mit denen sie sich zum Beispiel Fisch kaufen können oder halbe stinkende Schafsköpfe, das isländische Nationalgericht, jedenfalls für Touristen. Sie können mit ihren Gutscheinen auch ins Kino gehen oder ins Bordell oder in die Kirche – doch, auch das: Selbst die Kirche muss nun Eintritt verlangen, sie grübelt aber noch, wie viel. Und genau das ist im Moment das Problem. Wie viel Brot muss einer geben, um in die Kirche zu dürfen oder ein Stück Fisch zu essen oder ein Bier zu trinken oder sich mit einer Fußmassage verwöhnen zu lassen? Wie dieses Problem zu lösen ist, weiß kein Mensch und deshalb muss jeder Mensch selbst entscheiden, was ihm eine Sache wert ist. Ein Stück Brot für ein Stück Fisch? Wenn du die Gegenseite davon überzeugen kannst: in Ordnung. Wenn nicht: weiter feilschen. Island liegt, jedenfalls klimatisch nicht im Orient. Aber sonst jetzt schon.

Reykjavik, Island, Regierungssitz: Eine provisorische Regierung aus „Experten“ hat die demokratisch gewählte entmachtet. Nein, falsch formuliert: Die demokratisch gewählte Regierung hat keinen Plan mehr und war froh, die Verantwortung abgeben zu dürfen. Sie beziehen ab sofort ihre Pensionen, also großzügige Gutscheine der Isländischen Zentralbank, die nicht mehr Isländische Zentralbank heißt, weil Banken etwas mit Geld zu tun haben, aber es ja kein Geld mehr gibt. Im Moment heißt die Isländische Zentralbank UBC, eine Abkürzung, für die man noch die entsprechenden Langwörter sucht. Die drei Buchstaben sind ausgelost worden, weil das Kind ja einen Namen haben muss.

Reykjavik, Island, eine Kneipe in der Innenstadt: Hier sitzen einige Männer und Frauen und denken nach. Sie tauschen Fische, Brot, künstlerische Dienstleistungen gegen Bier und Schnaps und Snacks. Sie werden immer besoffener und ihr Denken wird es dito auch. Sie reden zwischendurch miteinander, sie haben ebenfalls keinen Plan, aber sie ahnen, dass niemand hier einen Plan hat. Sie kennen sich schon lange, sie vertrauen sich. Sobald ein Fremder die Kneipe betritt, schweigen sie und tun so, als würden sie nicht denken. Sie stecken die Köpfe immer enger zusammen. Sie wissen, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn Menschen nachdenken. Sie sollen saufen, das ja. Aber sie denken trotzdem nach. Damit haben sie den meisten Mitgliedern der provisorischen Regierung einiges voraus.

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