26.11.2011 -354-

Moral. Was ist das? Immer wenn sie mit etwas nichts anfangen konnte, las sie das Wort von hinten nach vorne. Larom. Klang wie eine Bio-Margarinenmarke. Kriesling-Schönefärb. Bräfenösch-Gnilseirk. Altes ungarisches Adelsgeschlecht. Wenigstens hatte sie ihre Handtasche wieder, die geliebte orangene Handtasche, ein Geschenk von Nic, dem galanten Franzosen. Bisschen angeschmutzt, in einem Café gefunden, also Kaffeespritzer drauf. Befand sich gerade in der chemischen Reinigung, aber sie selbst, die hohe Frau, war weiterhin beschmutzt. Ein Loch in ihrem Think Tank. Eine ihrer fleißigen Gehirnameisen war aus dem Hamsterrad ausgebrochen. Schiefes Bild. Das war alles so traurig, man hätte weinen können, aber man war die Kanzlerin.

Alle Kräfte schufteten, bemühten sich. Der BND, der Verfassungsschutz, sogar die Sondereinsatztruppe des Innenministeriums, eine hochgeheime Organisation von Berufskillern für besondere Aufgaben. In einem Moment äußerster humaner Milde hatte die Kanzlerin entschieden, sie wolle Kriesling-Schönefärb lebendig. Das war, als ihr das Wort Moral durch die Kopf spukte. Nein, spuckte. Der Innenminister als Dauerbedenkenträger. Er tendierte zur finalen Lösung, man brauchte einfach keine Nebenkriegsschauplätze. Die Kanzlerin hatte ihr Gewissen befragt. Wie hieß das von hinten nach vorne? Nessiweg. Klang wie der Name eines Sträßchens in einem Villenviertel oder eine Alternative zum Jakobsweg. Am Ende hatte sie entschieden, die finale Lösung sei die richtige. Nur: Kriesling-Schönefärb war verschwunden. Abgetaucht. Dabei hatte sie geglaubt, dieses Talent besäßen nur tumbe Neonazis, wenn sie schon sonst keine besaßen.

Sie hätte Physikerin bleiben sollen. Eine kleine, bescheidene Physikerin, die Atomkernen beim Schmelzen zuguckte, knallhart solide Naturwissenschaft. Statt dessen war sie von den historischen Turbulenzen in die Politik gewirbelt worden, in diese Mischung aus katholischer Soziallehre, organisierter Kleinkriminalität, Komödienstadel und Franz-Josef-Strauß-Devotionalienhandel. Miserabel bezahlt wurde der Job obendrein. Wenn sie da an ihren Kumpel Ackermann dachte… Sie seufzte. Shit happens halt, sagte sie in ihrem besten VHS-Englisch. Der Satz hallte gegen die weiße Wand des Büros und verschluckte sich. Sie war allein. Die Uhr tickte. Fünf vor Zwölf.

Nachrichten aus Island. Man hatte dort alle Geldscheine, Aktien und Kommunalobligationen glücklich verbrannt, eine gigantische Aschewolke zog langsam über den Nordatlantik südwärts, bald würde schwarzer Schnee auf Deutschland fallen. Nicht geplant. Das Werk der Konkurrenz, aber sie hatten das Beste daraus gemacht und die isländischen Ganoven in einem paramilitärischen Handstreich überwältigt und selbst das Kommando übernommen. Ginge die Sache schief, hätte man wenigstens geeignete Sündenböcke. Diesen dubiosen Konsul Bruggink und seine Helfershelfer, nicht schlecht.

Jetzt stand der zweite, entscheidende Schritt bevor, der Kanzlerin graute bei dem bloßen Gedanken, er könne schiefgehen. Schon meldeten die Börsen heftige Panikattacken, der Euro stieg und fiel, fiel und stieg. Wie bei einem Fieberkranken, den man abwechselnd in kochendes und Eiswasser tauchte, bevor man seine Körpertemperatur maß. Noch einmal seufzte die Kanzlerin. So hatte sie sich damals, in ihren Weltherrscherträumen, das Regieren nicht vorgestellt. Nereiger. Klang hübsch. Bedeutete nichts. Sie dachte an ihre Handtasche, die sich jetzt in einer Wäschetrommel drehte. Hoffentlich geriet sie nicht außer Form. War doch ein Unikat. Oder? Dem Franzosen traute sie alles zu, wahrscheinlich war das Ding bei BON PRIX oder wie dort die Supermärkte hießen im Angebot gewesen. Trotzdem. Sie musste jetzt handeln, der Daumen war schon gesenkt. Armer, süßer Kriesling-Schönefärb. Dein Kadaver wird ganz still und heimlich verrotten, kein Grab, an dem deine Lieben weinen können, nur ich werde vielleicht eine kleine Träne verdrücken. Wenn wir dich erst haben. Und wir werden dich haben.

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