23.11.2011 -351-

Na prima. Jetzt hockte ich hier in dieser Luxusbude eines zwielichtigen Russen auf der Flucht, wälzte mich auf einem bequemen Futon, amüsierte mich mit der Glotze und ließ mir von all den Lügengeschichten die Hirnzellen vereisen. Ich war in eine Reihe von Morden verwickelt, hatte Killer und Bullen gleichermaßen an den Fersen kleben, derweil die Welt munter der Anarchie zu taumelte, die eigentlich ja keine Anarchie war, sondern sorgfältige Inszenierung „interessierter Kreise“. Sogar die Bundeskanzlerin dachte manchmal an mich. Moritz Klein, dachte sie, ich häng dich mit den Eiern an die Wäscheleine und vergesse, dich abzunehmen.

Düstere Gedanken also, wie so oft in den letzten Wochen. Ich weihte das erste meiner Prepaidhandys ein, um Hermines Stimme zu hören. Fass dich kurz, hatte Oxana geraten, sie orten dich sonst. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mich nie verloren hatten. Hermine meldete sich, ja, alles in Ordnung soweit, die Kids zockten am Computer ein Ballerspiel, ihre Art, mit der traumatisierenden Situation fertig zu werden. „Fuck the Government“: Es ging darum, eine korrupte Regierung nach und nach mit Dum-Dum-Geschossen von ihren Denkrüben zu befreien, und wenn man es geschafft hatte, gabs ein Bonusspiel, bei dem die nächste Regierung grinsend auf dem Monitor erschien und abgeschossen werden wollte. Eine unendliche Geschichte, sehr realitätsnah.

„Ich koch grad lecker Glühwein“, informierte mich Hermine. „Die beiden Jungs vor unserem Haus frieren sich was ab, die sind bestimmt dankbar für was Warmes.“ Ich fasste es nicht. „Du fraternisierst mit dem Feind?“ „Ach was, Feind! Das sind auch nur kleine Arbeitnehmer wie wir. Und was heißt fraternisieren? Mir haben sie bestimmt wieder die steinältesten Familienväter geschickt, das nenne ich Staatsterror!“

Aber Glühwein war keine schlechte Idee. Alkohol hatte der Hausherr genügend gebunkert, wertvolle Rotweine vor allem. Ein Supermarkt lag um die Ecke, dort kaufte ich Glühweingewürz und Spekulatius aus dem nachweihnachtlichen Ramschangebot, fand einen großen Topf in der Küche und entkorkte einen 1967er Chateau Lafitte. Mit dem Gewürz zusammen schmeckte das nicht einmal schlecht, mir wurde sofort warm und je mehr ich trank, desto weiter stiefelten die Gedanken aus meinem Gehirn und verschwanden hinter dem Horizont. Oder kurz gesagt: Ich schlief besoffen ein, der Fernseher lief weiter und log sich selbst was vor.

Warum ich das Handy klingeln hörte, wusste ich nicht. Der Lafitte war als Erlöser von den Weltübeln wohl doch nicht so geeignet. Oder Oxana verfügte über Kräfte, die selbst Totalbetrunkene sofort wieder in den Zustand der Ernüchterung versetzen konnten.

„Hast du etwa gepennt?“ fragte sie scheinheilig. „Nein, natürlich nicht. Ich sitz hier rum und warte auf die Apokalypse.“ „Super“, lobte die Kasachin, „die kommt auch bald. Also nicht die Apokalypse, aber Vika. Hat mich gerade angerufen. Kannst sie vom Bahnhof abholen und bei dir unterbringen? Bei uns vor der Villa stehen zwei Typen.“ „Tu mir einen Gefallen und füttere sie nicht mit Spekulatius und Glühwein“, bat ich. Oxana lachte. „Keine Sorge, Marxer würde mich killen. Also in einer Stunde am Bahnhof, TGV aus Paris. Und macht keine Sauereien.“

Erst als ich unter der Dusche stand, dämmerte mir, dass meine Vorfreude auf Vika von der räumlichen Nähe Hermines empfindlich getrübt wurde. Oder anders: Ich hatte Schiss, dass Hermine meinen Seitensprung mit Vika… nein, noch anders: Ich hatte schlicht ein schlechtes Gewissen und Schiss und eigentlich wollte ich und eigentlich wollte ich nicht und eigentlich erinnerte ich mich gerne an die Nacht mit Vika und eigentlich… sollte ich endlich das Hirn abschalten und mich abtrocknen. Es wurde Zeit, zum Bahnhof zu marschieren.

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