22.11.2011 -350-

Irmi hatte in jüngeren Jahren „Die Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer gelesen und die Erkenntnis daraus gezogen, dass das Streben nach Erkenntnis häufig Irrationales und Nichtwissen produzierte. Auf einer alltäglichen Ebene war sie zu dem Schluss gekommen, dass jeder Umstand des Lebens sogleich seinen Antipoden zeugte, das Gute also das Böse, die Erkenntnis die Nichterkenntnis, die Aufklärung die Verschleierung und so weiter. Das mochte nicht im Sinne der Autoren und ihrer Interpreten sein, war aber, verdammt, genau das, was Irmi fürs Leben gelernt hatte.

Und, noch einmal verdammt, es bestätigte sich immer und immer wieder. Irmi fühlte sich stark, sie fühlte sich jung. Gleichzeitig fühlte sie sich schwach und alt. Sie hatte die „Bauernschenke“ alleine verlassen, wollte die Lage vor ihrer Wohnung sondieren, Mohamed und Mirjam, die Illegalen und Papierlosen, waren aus Vorsichtserwägungen in der Wirtschaft verblieben, wo es diskrete Räume gab, sie nötigenfalls zu verstecken.

Ja, es war kalt, der Himmel zwar blau, aber das würde nicht lange halten. Etwas Wind, der immer stärker wurde. Menschen mit hochgeklappten Mantelkragen kamen einem entgegen, Dampfwirbel vor den Gesichtern, Hüte in den Stirnen. Alles Geheimagenten, irgendwie. Und Irmi? Sie lief wie ein junges Reh und fühlte sich wie ein wundgeschossenes Tier, das sich zu seinem Bau schleppte, um dort unspektakulär zu sterben. Wie hatte sie das Vorgehen der Rentnerinnen und Rentner bewundert, die die Fesseln der Zwangsruhigstellung in den Altersheimen abgestreift hatten, aufgeblüht waren. Wie lange würde das anhalten? Nicht sehr lange.

Vor der Wohnung standen tatsächlich zwei Männer, hätten ihre Söhne sein können oder ehemalige Schüler, waren aber weder das eine noch das andere. „Guten Tag“, murmelte Irmi und nahm die Treppe zur Haustür mit dem Elan einer unter Aufputschmittel gesetzten Ballerina. Die beiden Figuren gaben den Gruß selbstverständlich nicht zurück. Wandten sich ab, vielleicht verlegen. War auch egal jetzt. Die Tür auf und rein und die Tür hinter sich zu und erst mal das Herzpochen in den Griff kriegen. So ist das mit der Dialektik. Erst jetzt merkte Irmi, dass sie zitterte.

 

*

 

Endlich. Der TGV hatte deutsches Hoheitsgebiet erreicht. Vika grinste. Welcome back im Lande der Wachstumsfetischisten und Exportweltmeister, der Steuerhinterzieher und Moralisten und Lehrmeister. Sie ging in den Speisewagen, war ja kein ICE hier, wo jede Nahrungsaufnahme mit der Gefahr verbunden war, sofort in die nächste Klinik zum Magenauspumpen transportiert werden zu müssen. Sie entschied sich für Muscheln in Weißweinsoße, auch so etwas, das sie in Deutschland niemals essen würde. Aber für die nächsten zwei Stunden säße sie noch in einem Stück Frankreich.

Sie sah sich um. Der Speisewagen war gut besetzt, sämtlich unbekannte Gesichter – bis auf eines. Vika glaubte nicht an Zufälle, aber das musste einer sein. Vor einem Teller mit blutigem Steaklappen saß und schmatzte gewohnt unkultiviert der Exdetektiv und Kotzbrocken Schnüffel, ihm gegenüber ein älterer, ebenfalls nicht von der Kultur verwöhnt ausschauender Mann, strähniges langes graues Haar, die Zähne, die ebenfalls in halbrohes Fleisch hieben, ungesund gelb. Hatte sie noch nie gesehen, den Kerl, würde sie aber nie mehr vergessen. Abtauchen. Die Gefahr, dass Schnüffel sich ihrer entsinnen würde, war gering, dennoch kein Risiko eingehen.

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3 Antworten zu 22.11.2011 -350-

  1. Bio schreibt:

    Zum ersten Geburtstag der „Never Ending Story“ möchte ich doch mal ein Pikkolöchen aufmachen und den Autor für seinen Einfallsreichtum und seine Ausdauer beglückwünschen.
    Ich muss gestehen, dass ich zeitweilig im Gegensatz zum Autor 😉 den Überblick verloren hatte, wer sich gerade wo tummelt.
    Mittlerweile ist es schon ein allmorgentliches Ritual geworden, erst einmal zu schauen, was Moritz und seine tausend Frauen machen 😀
    Ich hoffe, lieber dpr, es macht dir noch Spaß.
    Liebe Grüße
    Bio

  2. Leanne schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebes Drood!

    Was soll ich denn zur Party mitbringen?

    und auch, wenn er sonst sehr zum Fürchten ist, will ich einmalig den Zuckowski zitieren:… „wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst… “ (als Entschuldigung: ist ja ein Kindergeburtstag, der erste)

    Alles Gute und alles Liebe
    Leanne

  3. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Die Gesellschaft zur Förderung des endlosen Kriminalromans e.V. dankt im Namen von Herrn Drood für die Glückwünsche. Herrn dpr macht es noch Spaß, er soll mal was anderes behaupten! Er verdient hier schließlich seinen Lebensunterhalt! Herr Drood hat bereits einen altersgemäßen Wortschatz und möchte auch bald laufen lernen. Stubenrein ist er schon (fast), Sekt trinken kann er noch nicht, das besorgt dann der Vorstand o.g. Gesellschaft. Für ein Pikolöchen wirds noch reichen…

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