21.11.2011 -349-

Standen die Typen draußen immer noch rum? Vorsichtig hinter die Gardine treten, gucken. Ja, taten sie. Konnten einem leid tun, die Jungs. Bei dieser Kälte. Aber irgendwie taten Marxer die Jungs nicht leid. Selber schuld. Hätten was Anständiges lernen sollen. Was waren das eigentlich für welche? Normalobullen oder Verfassungsschutz? Falls letztere, hätte man ihnen zurufen mögen: Kümmert euch mehr um die mordenden und sengenden Nazis in diesem Land!

Wenigstens war Oxana wieder da. Schon ihr Anblick hatte Marxer ein schlechtes Gewissen bereitet. Nein, er würde ihr nicht den Laufpass geben, er brauchte diese Frau. War auch sofort auf ihr Zimmer, umziehen, in einem Kleid zurückgekehrt, das Marxer den Atem geraubt hatte. Darauf konnte er nicht mehr verzichten, er war oxanasüchtig, ein Abhängiger ihres Körpers, ihrer Stimme, ihres Intellekts. Wie alle Suchtis hatte er auch keine Lust auf eine Entziehungskur.

An den Schreibtisch setzen, das Adrenalin spüren, in den Griff kriegen. Schreiben heißt: die Wirklichkeit zuschneiden, überschaubar machen, Lösungen und Trost anbieten. Nur dann kannst du Bücher verkaufen. Diese Geschichte hier hatte entschieden zu viele Nebenschauplätze, nichts ging auf, sie war halt das Leben, sie hielt sich nicht an Dramaturgien, sie verachtete Plots, sie scherte sich einen Dreck um die Ratschläge, die in Büchern ausgebreitet wurden, „Wie schreibe ich einen Krimi?“, „Was ist Krimi?“, „Warum fällt mein Blumentopf um, wenn ich mit dem Fuß dran trete?“ Schreiben heißt: Missbrauch der Wirklichkeit, Unzucht mit Abhängigen, wobei nicht klar schien, wer hier von wem abhängig war. Das Leben vom Autor oder der Autor vom Leben. Egal. An die Arbeit, Marxer!

Man musste ihn nicht erzählen, dass der bequemste Weg zum Krimi der war, von hinten nach vorne zu schreiben. Wie sollte die Geschichte enden? Natürlich gut. Vorhang zu, keine Fragen mehr offen, das wünschte sich die Leserschaft. Am Anfang ist ein Typ namens Georg Weber verschwunden, am Ende muss er wieder auftauchen, quicklebendig oder mausetot, als Opfer oder Täter. Das also war die Generalfrage, die beantwortet werden musste. Marxer entschied sich, Georg Weber sei ein Täter, der zum Opfer geworden war (oder umgekehrt) und am Ende zunächst quicklebendig und dann mausetot. So erreichte man sämtliche Zielgruppen.

Und der Held? Natürlich nicht dieser Moritz Klein, der eignete sich dazu einfach nicht. Ein Schriftsteller musste es sein, Krimiautor halt. Und diese Sonja? Hübsche Frau, es würde sexuell knistern müssen. Und durfte nicht gut enden, es sei denn, man wollte eine Serie draus machen. Klar wollte Marxer. Krimis verkauften sich am besten in Serie, alte Regel, das hatte schon Arthur Conan Doyle gewusst und war seines Sherlock Holmes eines Tages überdrüssig geworden, hatte ihn bei Reichenbach in der Schweiz den Wasserfall runtergeschickt, um ihn Jahre später furztrocken wieder an Land zu ziehen, damit er einem englischen Hund das Handwerk legte. Aber nein: Die Geschichte mit Klein und Sonja Weber brauchte ein tragisches Ende, für die Leserinnen nämlich, die nah am Wasser (nicht dem der Reichenbachfälle!) gebaut hatten.

Ok. Und jetzt zum roten Faden. Den brauchte man genauso wie die roten Heringe, die falschen Spuren, die gelegt werden mussten. Was also war der rote Faden? Eine Staats-, eine Weltverschwörung? Zu kompliziert. Etwas Privates. Die Verschwörungsgeschichte wäre der Hering… Marxer stöhnte. Tat er immer, wenn er sein Gehirn mit einem netten Stürmchen frisch lüftete. Er lauschte. Oxana war in der Küche und hantierte mit Töpfen und Pfannen, es roch nach Fleisch und Gemüse. Marxer trat abermals ans Fenster. Zwei Typen, die sich einen abfroren. Die gerne am Abendbrottisch im Warmen sitzen, Oxanas Kochkünste genießen würden. Haha, dumm gelaufen, Jungs! Sofort ging es Marxer wieder besser.

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