17.11.2011 -345-

Sonja hatte Kriesling-Schönefärb unauffällig Zeichen gemacht, als er dem Zug entstiegen war. Er folgte ihr, Oxana und ich folgten ihm. Wir sahen uns um, in die Gesichter der Reisenden, der Bahnhofsvorhallensteher, der Vor-dem-Bahnhof-Raucher, wir entfernten uns vom Trubel, liefen durch ein paar Seitenstraßen, immer auf der Hut. Jemand hinter uns her? Schien nicht so zu sein. Ein kleines gemütliches Café, abseits, viele freie Plätze. Sonja betrat es als erste.

Wir hatten uns viel zu erzählen und taten es. Die Operation Lava, so langsam blickten wir durch – na ja, nicht wirklich. „Der Staat will was, das eine Verbrecherorganisation auch will“, fasste Oxana zusammen, „sie haben einen Maulwurf oder wie man das nennt, also der Staat bei den Verbrechern und vielleicht haben die Verbrecher auch einen beim Staat.“ Sie sah kurz zu Sonja, die nichts gesagt hatte, sehr blass war. „Georg? Meinst du, dieser Maulwurf ist dein Bruder Georg?“

Sonja hob nur leicht die Schultern und ließ sie wieder fallen. Sagte dann: „Kann ich mir nicht vorstellen. Hätte ich doch merken müssen. Ist doch gar nicht seine Art, dieses Spionspielen. Nein, eher nicht.“ Klang aber wenig überzeugend. „Das ist alles so verwirrend, das ist gar nicht so wie im Krimi“, sagte Kriesling-Schönefärb und aß sein drittes Stück Kuchen. Er war aufgeregt, rote Pünktchen blinkten auf seiner Gesichtshaut. „Vergiss Krimis“, riet ich, „das wirkliche Leben ist ein mieser Dramaturg. Irgendwie hecheln wir nur von einer Überraschung zur nächsten.“

„Ja“, sagte Oxana, „und im Moment wissen wir nicht einmal, was wir in fünf Minuten machen sollen.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Äh, doch, ich weiß es. Rübergehen zu dieser Claudia, die will uns ja was über diesen Günther Rath sagen. Ich schlage vor, das mach ich allein.“ Dagegen hatte niemand etwas.

Als sie gegangen war, schwiegen wir für ein paar Minuten. Das Café war gut geheizt, wir wurden schläfrig. Apropos. „Wo kann ich eigentlich unterkommen?“ fragte Kriesling-Schönefärb, „Hotel?“ Ging wohl nicht anders. Unsere Wohnungen standen garantiert unter Beobachtung. „Wir fragen am besten Oxana“, schlug Sonja vor, „die kennt doch hier Gott und die Welt, vielleicht weiß sie einen Ort, an dem du bleiben kannst, bis sich die Wogen…“ Sie beendete den Satz nicht. Einmal, weil auf eine Glättung nicht zu hoffen war, dann, weil sich die Bedienung berufsbedingt plattfüßig näherte und fragte, ob wir noch Kaffee oder sonst was wünschten. Wir bestellten Mineralwasser und lobten die Gemütlichkeit des Lokals. Die Bedienung lächelte.

„Ja, sagen alle. Wird ja draußen in der Welt immer ungemütlicher, sogar in unserem Kaff. Haben Sie das auch gehört? Da werden friedliche Bürger von der Polizei in einer Wirtschaft eingekesselt und Rentner zusammengeschlagen.“ „Ach“, machte ich und simulierte überraschtes Interesse. „Ja, haben Sie noch nicht mitgekriegt? Geht doch grad im Internet rum wie ein Lauffeuer. Ist auch ein berühmter Autor dabei, hab mir gleich was von ihm bei Amazon bestellt.“

Wenigstens hier also tat sich etwas, das wir optimistisch als positiv ansahen. Gegen die Geheimniskrämerei des Staatsapparates hilft nur Öffentlichkeit, reißerische PR. Traurig, aber wahr.

Wir warteten auf Oxana, Kriesling-Schönefärb, ausgehungert, wagte sich an ein viertes Kuchenstück. Endlich kam die Kasachin. Setzte sich zu uns, schüttelte sich, „kalt draußen, gibt wieder Schnee, ich spür das in sämtlichen Knochen.“ Und? Claudia? Oxana trank einen Schluck von Sonjas Mineralwasser. „Hm, ja, Claudia. Sie hat sich an etwas erinnert. Dieser Rath… ihr erinnert euch an das Täteräta oder wie das auf dem Zettel gestanden hat, den Moritz bei der Leiche gefunden hat? Rath, sagt Claudia, habe sich in letzter Zeit für Karneval interessiert. Sie gefragt, ob sie den Karnevalsprinzen kenne. Kannte sich aber nicht. Fand es aber seltsam.“ Fanden wir auch.

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