11.11.2011 -339-

Jetzt war hier zappenduster! Ulrich Hasenkamp und die Seinen fixierten das Weiße im Auge der Staatsgewalt, das nervöse Flackern der Lider, die panischen Erschütterungen der Augäpfel, die vom Baum des Gewaltmonopols plumpsten, den Horror der geweiteten Pupillen. Nicht wanken! Wir sind Weltkriegsteilnehmer, wir haben schon ganz andere Scheiße durchgemacht! Nicht stehen bleiben, einfach immer weiter, das hier ist das Stalingrad der Demokratie, wir-wer-den-sie-gen!

Die Avantgarde der Rollatoren schob sich entschlossen voran, die todesmutige Schwadron der Fußkranken und Bandscheibenvorfälle, Alzheimer im Anfangsstadium, das wirkte wie eine Befreiung von den Zwängen des Scheißbürgertums. „Empört euch!“ skandierte es aus der zweiten Reihe, wo die Abteilung der Krücken und sonstigen Gehhilfen ihre fürchterlichen Nahkampfwaffen entschlossen auf dem Asphalt musizieren ließen. Die Polizisten wichen einen Schritt zurück, aus dem Megaphon ihres Anführers kreischte es „Vor, vor, vor! Haltet den Mob auf!“, doch der Mob ließ sich nicht aufhalten. Er wälzte sich dem Eingang der „Bauernschenke“ zu, hinter dessen Fenstern die Eingeschlossenen zu erkennen waren, all die knackigen Mädels, dachte Ulrich Hasenkamp voller Vorfreude, all das kühle Bier und die leckeren Buletten. Apropos Buletten: „Wenn euch die Bullen dummkommen, haut einfach rein“,  befahl er. Vor, hinter, neben ihm nickte es grimmig. Oma Börsdorf, die sonst immer nur auf ihrem Zimmer saß und dem Besuch ihres Enkels entgegenhoffte (der sich noch nie hatte blicken lassen), antwortete: „Die sollen nur kommen, ich hab zwei Pfund Schonkaffee in meiner Plastiktüte, das durchschlägt jeden Bullenhelm!“ Ulrich Hasenkamp nickte satanisch. Genauso sollte es sein.

Währenddessen hockte Gerhard Münster im Mannschaftswagen und spürte, wie sich Panik seiner bemächtigte. Zuerst die erschütternde Begegnung mit Fräulein Irmi, jetzt die Heerscharen wildgewordener Rentnerinnen und Rentner, darunter aber auch erlebnisgeile Schulkinder, das war wie Stuttgart 21, nur dass die Wasserwerfer auf sich warten ließen. Man ließ ihn im Regen stehen, so sah es aus. Die Oberen meldeten sich nicht mehr, aus Berlin war lediglich die Anweisung gekommen, „die Sache professionell über die Bühne“ zu bringen, aber das sagte sich so einfach. Wenn man es wenigstens mit Linkschaoten oder Fußballhooligans zu tun hätte! Aber die hier waren nicht einmal vermummt! Das war das Altersheim! Münster lief es kalt über den Rücken. Das Altersheim. Wo sein Vater einsaß, dieser in seiner Jugend so jähzornige Mensch, den erst die Gebrechen zu einem stromlinienförmigen Objekt gemacht hatten. Ob der etwa auch… Das musste er rauskriegen. Er stieg aus, ging zum Videowagen, in dem die Bewegungen des Mobs penibel aufgezeichnet wurden, um später in rechtsstaatlich einwandfreien Strafprozessen verwendet zu werden. Gerhard Münster wollte Nahaufnahmen sehen. All die alten Gesichter. Er spürte die Kälte auf seinem Rücken. Und dann sah er ihn: Papa. So rüstig, als wären dreißig Jahre über Nacht von ihm abgefallen, eine Krücke schwenkend, sie bedrohlich nach vorne streckend, grölend. Oh nein, seufzte Münster.

Vater Münster hatte so eine Ahnung. Dahinter steckte sein Sohn. Er hätte ihn früher noch mehr prügeln müssen, warum war ihm das mit der antiautoritären Erziehung bloß eingeredet worden. Wenn sich ein Kind mit 12 schon nichts Schöneres vorstellen kann, als baldmöglich die grüne Uniform zu tragen, sollte die väterliche Hand automatisch ausfahren und eine Salve Backpfeifen abfeuern. Und ließ sich jetzt nicht blicken, der Feigling. Na warte, wir rechnen noch ab. Der Eingang der „Bauernschenke“ war nicht mehr fern, noch fünfzehn Meter höchstens, schon öffnete sich die Tür und diese Hermine streckte nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihre Büste ins Freie. Das motivierte. Die Krücke erigierte wie von selbst, streifte den Kopf eines Polizisten, der vorsichtshalber schon mal „aua!“ jammerte. Vater Münster grinste in sich hinein.

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