08.11.2011 -336-

Vika konnte sich nicht erinnern, schon einmal so schlecht gegessen zu haben wie bei Belinda. Die Pizza war gleichzeitig noch nicht richtig heiß und angebrannt, die Tomatensoße schmeckte nach Käseersatz und der Käseersatz nach Dönergewürz. Der Teig war 1989 von freudetrunkenen Ostberlinern aus der Mauer geschnitten worden, die Salamischeiben machten es leicht, den sofortigen Austritt Italiens aus dem Euroraum zu fordern. „Und?“ fragte Belinda? „Lecker“, antwortete Vika.

Es war ein Abschiedsessen. Ihre Wege, die sich gerade eben gekreuzt hatten, würden sich nun für immer trennen. Schade, dachte Vika, gut so, dachte Vika. Gab eh schon viel zu viele Personen in diesem Trauerspiel. Sie küssten sich auf die Wangen, schenkten einander noch ein paar Blicke, dann stand Vika auf der Straße, es war nicht weit zu ihrem Hotel, sie wollte laufen, den Kopf frei bekommen.

Im Zimmer suchte sie nach ihrer Waffe, fand sie, vergewisserte sich ihres ordnungsgemäßen Zustandes, steckte sie ein. Bestellte sich ein Taxi, fuhr zu Mareikes Wohnung, klingelte keck, nichts tat sich, wie erwartet. Ausgeflogen, dachte Vika. Ich muss hier auch weg. Ein zweites Taxi brachte sie zurück zum Hotel, sie checkte aus, ein drittes Taxi fuhr sie zum Hafen. Zwei Stunden später saß sie auf der letzten Fähre nach St. Malo, die Küste Jerseys verschwand in einer Nebelbank.

 

*

 

 

Unfassbar! Es waren nicht nur alte, wie Oxana berichtete, die sich aus dem Fenster lehnte und die Straße hinuntersah, auf der sich eine Masse Mensch laut schreiend und mit hochgereckten Transparenten näherte. Auf ihrem Weg hatten die Senioren zufällige Passanten jeglichen Alters begeistern können, eine Gruppe Schulkinder etwa, froh darüber, etwas Sinnvolleres tun zu können als in einer Schule dem ineffizienten Bildungssystem ausgesetzt zu sein. Zwei mittelalte Hausfrauen, die von der Verlockung einer bürgerlichen Revolution angezogen worden waren. Studenten, die Dutschke für ein Alternativwort zu Droschke hielten. Eine Wand, aus deren Vielmündern es rauchte. Eine Kette aus Polizisten versperrte die Straße, wich langsam zurück, wartete auf Wasserwerfer oder den Befehl, die Schlagstöcke tanzen zu lassen. Wozu hatte man die Dinger sonst.

Der Entschluss kam spontan, Oxana und ich fassten ihn gleichzeitig. Wir sahen uns an, nickten uns zu. „Wir hauen jetzt unauffällig ab, die Bullen sind gerade so schön beschäftigt“, sagte Oxana. „Wohin?“ wollte Marxer wissen. „Wird uns schon noch einfallen“, antwortete ich. „Ich komme mit“, kündigte Sonja Weber an, „gleich ist hier so viel los, das wird gar nicht auffallen.“

Wir warteten, bis die Menge der Protestierer bis auf zwanzig Meter an die „Bauernschenke“ herangekommen war. Polizeisirenen ließen sich hören, kamen näher, eine Rotte Beamter rannte im Laufschritt den überforderten Kollegen zu Hilfe, doch sie hatten keine Chance. In der ersten Reihe der Menge quietschten die Gummiräder der Rollatoren, ein infernalisches Geräusch. „Wir melden uns dann“, sagte Oxana und öffnete die Tür. Nach links, nach rechts gucken, niemand beachtete uns. „Seid vorsichtig“, mahnte Hermine und, zu den Zwillingen: „Kommt, Mädels, wir fangen schon mal an, Pils zu zapfen. Bis unsere alten Helden hier sind, vergehen keine sieben Minuten mehr.“

Wir drückten uns an der Häuserwand entlang, bloß nicht rennen, ganz gemütlich vom Tatort entfernen. Niemand kam uns entgegen. Und jetzt? Oxanas Handy klingelte. Sie sagte viele „Hms“ und zum Schluss ein langes „Oh“. „Das war Kriesling-Schönefärb. Der Bursche ist Gold wert.“

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