05.11.2011 -333-

Dreimal krähte das Huhn. Es war ein Geschenk der CSU-Landesvertretung gewesen, „möge es goldene Eier legen wie die Bundesregierung“, doch bisher hatte es kein einziges zustande gebracht. Es krähte nur allmorgendlich zur Unzeit, meistens zwischen zwei und drei, hockte in seinem kleinen Gehege hinter dem Bundeskanzleramt, wo der Miniaturzoo untergebracht war. Ein griechischer Pleitegeier döste vor sich hin, der Abruzzen-Bergziegenbock Silvio scharte mit den Hufen und hoffte auf ein paar dumme Ziegen, ein seltener französischer Elefant nagte an Körnern und verkroch sich dann zur Fortsetzung seines Winterschlafes in ein Mauseloch. Sie würde das Huhn umbringen, knurrte die Kanzlerin an diesem Morgen nicht zum ersten Mal. Ein Blick auf die Uhr: kurz vor drei. Sie erhob sich von ihrer Pritsche, der Rücken schmerzte.

Sie übernachtete schon eine geraume Zeit im Kanzleramt, eine Frau, die nimmermüde werktätig war im Dienste ihrer Untertanen. Bescheuerte Idee von diesem Kriesling-Schönefärb, für den sie dennoch eine vage, rational nicht zu erklärende Sympathie empfand. Ein ebenso intelligenter wie blasser junger Mann, leicht lenkbar und sehr süß, wenn er rot wurde. Die Kanzlerin lächelte. Sie umgab sich gerne mit jungen Männern, die alten hatte sie fürchten gelernt, diese Intriganten.

Frühstücken. Der Frühstücksbeauftragte der Bundesregierung, ein in Ehren ergrauter Oberregierungsrat, hatte im Pausenraum liebevoll gedeckt, zwei frische Brötchen, eine Portion Butter und einen Klecks Himbeermarmelade, Kaffee und Original Berner Müsli, auf den Orangensaft hatte die Kanzlerin medienwirksam verzichtet, nachdem sie erfahren hatte, dass er in Bangladesh von zarten Kinderhänden ausgepresst wurde. Sie machte sich sowieso nicht viel aus Säften.

Frühstücken war Nahrungsaufnahme, ein Ritual. Das zweite folgte: Die Handtasche wurde für den bevorstehenden Arbeitstag gepackt. Eine Rolle Pfefferminzbonbons, drei Handys, das Spitzentaschentuch, dessen Nachteil es war, niemals benutzt werden zu dürfen, weil es beim ersten Waschen seine perfekte Form verlieren würde, der kleine weiche Talisman, dem früheren DDR-Sandmännchen nachempfunden, zwei Aspirin, vier Alka Seltzer, ein Band Rilke, „Lebensweisheiten in Reimform“ und, am wichtigsten, die aktualisierte Handakte „Finanzkrise 2011, die Höhepunkte“. Sie stand auf und ging in den News Room.

Dort hockten rund um die Uhr Redakteure und Rechercheure, junge, prächtig ausgebildete Menschen, Männer wie Frauen, allesamt hübsch und adrett. Man konnte sie ruhigen Gewissens über Nacht in einen fensterlosen Raum sperren, es kam nicht zu sexuellen Exzessen, wie es sonst üblich war. Diese Menschen waren ganz Job, sie funktionierten, sie hatten nie etwas anderes gelernt, sie würden ihre Kinder versehentlich im Urlaub zeugen, wenn das Animationsprogramm zu langweilig war und Sex als vorübergehende Alternative dazu in Betracht kam.

An diesem Morgen lag ein Hauch von Aufregung in der Luft. Unruhige Blicke wurden gewechselt, weiße Hemdkragen waren schweißnass, Karrierebeamtinnen hatten ihre Highheels ausgezogen und wühlten mit blanken Zehen den abgelatschten Teppichboden auf. Man beachtete die Kanzlerin, die soeben den Raum betreten hatte, nicht. Man starrte auf die Monitore. Eine gigantische Rauchwolke stieg in den Himmel. Die Kanzlerin beugte sich über die Schulter einer Rechercheurin, hörte deren unregelmäßigen Atem, fragte: „Was ist passiert?“

Die Rechercheurin drehte sich nicht um, antwortete nach längerem Zögern: „Island. Zuerst hielten wir es wieder für einen dieser Vulkanausbrüche. Bis eine Aufklärungsdrohne der NATO bessere Bilder lieferte. Es brennt. Die haben dort einen riesigen Scheiterhaufen errichtet und fackeln den ab. Sie verbrennen Geldscheine.“

Der Kanzlerin wurde flau im Magen. Sie brauchte ein zweites Frühstück.

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