04.11.2011 -332-

„Handtasche? Hab ich im Auto liegen lassen“. Belinda kicherte. „Und der Autoschlüssel steckt natürlich, die Tür steht offen. Ich bin halt zu vertrauensselig.“ Sie fuhren aus der Stadt hinaus. „Glaub nicht, ich könnte kochen“, warnte Belinda Vika vor, „typische Dosenköchin, aber das kann ich prima.“ Sie hielten vor einem Apartmenthaus, gehobene Mittelklasse, von ganz oben würde man das Meer sehen können. „Sag mal, nur ganz allgemein: Aber was wäre eigentlich so schlecht an einer geldlosen Gesellschaft? Geld nervt doch nur. Also mich, meine ich jetzt.“

Ein Reicheleute-Problem. Sie betraten die hübsche Lounge, steuerten den Fahrstuhl an, Belinda drückte auf die 6. Aha, Penthouse. Reiche Leute, sag ich doch. Solche, die stets behaupten, Geld mache nicht glücklich, was für sie gewiss zutraf, weil sie sich niemals hatten Gedanken über Geld machen müssen. „Ich will mir lieber nicht vorstellen, wie das wäre ohne Geld. Meinst du, man würde nicht weiter bescheißen und ausbeuten? Wenn nicht Geld, dann eben was anderes.“ Vika merkte, dass sie wütend wurde. Nicht auf Belinda, das naive Mädchen aus gutem Hause. Wusste es halt nicht besser.

Natürlich Penthouse. Das, was man sofort „schnuckelig“ nannte, wenn man es betrat, helle Möbel, hier war zweifellos eine Innenarchitektin am Werk gewesen und wahrscheinlich auch der Feng-Shui-Meister von Jersey. „Machs dir bequem, ich mix uns was. Hast nen besonderen Wunsch? Ist alles da.“

Daran zweifelte Vika nicht. Sie entschied sich für einen doppelten Whisky, „irisch? Schottisch? Amerikanisch? Chinesisch?“ fragte Belinda. Chinesisch? Okay, warum nicht. Belinda redete weiter, während sie die Drinks machte. „Ich mein ja bloß… das mit der Geldwirtschaft scheint ja irgendwie nicht so zu klappen, oder? Wissen wir doch alle. Warum nicht etwas anderes versuchen?“ „Weil diejenigen, die das wollen, keine Menschenfreunde sind. Weil sie gar nicht an Geldlosigkeit glauben, weil sie nur abkassieren wollen, weil das Geld nicht verschwinden wird, nur ein äußerst knappes Gut. Und dann gibt es eine Währungsreform, die Armen sind noch ärmer geworden und die Reichen haben längst in die berühmten Sachwerte investiert. Kennen wir alles. Zweiter Weltkrieg. Besser hätte es für die Reichen gar nicht laufen können.“

„Davon versteh ich zu wenig“, sagte Belinda und brachte den Whisky. Schönes sattes Bernsteinbraun, lief gut und feurig durch die Kehle. „Echt chinesisch?“ fragte Vika ungläubig. „Steht jedenfalls drauf“, sagte Belinda. Sie saßen auf dem weißen Designersofa, das große Panoramafenster vor sich, in dem gerade der Sonnenuntergang eine Routinevorstellung gab. Nichts besonderes, aber er gab sich wenigstens Mühe.

„Und jetzt? Was machst du jetzt? Die sind dir gerade durch die Lappen gegangen. Suchst sie jetzt?“ Klar würde Vika die Fährte wieder aufnehmen. Wo Mareike wohnte, wusste sie ja. Andererseits: Sie hatte das Gefühl, sich auf einem Nebenkriegsschauplatz herumzutreiben. Die Musik spielte woanders, wahrscheinlich in Deutschland. Oder auf Island. Aber dorthin würde sie nicht kommen.

„Kannst du mal den Fernseher anmachen? Ich muss auf dem Laufenden bleiben.“ Belinda machte den Fernseher an. „Okay, dann informier dich. Ich guck, was ich so alles an Vorräten habe und koch uns was Leckeres. Hoffentlich hat niemand eingebrochen und den Dosenöffner geklaut. Dann müssen wir uns eine Pizza kommen lassen.“ Was, dachte Vika, nicht das Schlechteste wäre. Sie zappte sich durch die Kanäle, geriet an einen Nachrichtenkanal, der sie mit den neuesten Entwicklungen der Finanzkrise langweilte. Kein Wort zu Island, das Thema war entweder gegessen oder tabu. Noch einmal versuchen, bei Oxana anzurufen. Keine Chance. Irgendwie schien die Leitung noch immer nachhaltig gestört, was Zufall sein mochte. Nein, an Zufälle glaubte Vika schon lange nicht mehr.

„Es gibt Tiefkühlpizza“, kündigte Belinda an. Vika antwortete nicht. War jetzt auch egal.

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