03.11.2011 -331-

Marxer hatte zuviel getrunken. Er war auf seinem Stuhl in eine bedenkliche Schräge gerutscht, die ihn, sollte sich die Bewegung fortsetzen, hart auf dem Boden der Tatsachen landen lassen würde, hier: dem harten Boden der „Bauernschenke“. Marxer blinzelte. War das alles wirklich? Flüchtete er gerade saufend aus der Realität oder war diese eine Folge des Saufens? Beinharte Fragen. Müsste man auf einen Zettel notieren und einen gutverkäuflichen Ratgeber draus machen. „Die Welt als Wille und Alkoholproblem“.

Dann verließ Marxers Geist Marxers Körper wie eine fliegende Sonde ein Raumschiff. Er hob sich über die Szene, zeigte aus der Vogelperspektive das Gasthaus, den um dieses gezogenen Kordon frierender Polizisten, stieg noch höher, zeigte die arglos schlafende Stadt, stieg noch höher, bis die Stadt ein schwach glimmender Lichtpunkt war, noch höher, jetzt war die Stadt ein schwach glimmender Lichtpunkt in der Unendlichkeit schwach glimmender Lichtpunkte, stieg noch höher, bis am nordöstlichen Rand ein dicker, hell leuchtender Klecks erschien, die Bundeshauptstadt. Hier schlief man nicht. Marxers Geist, diese Kamera von der Qualität einer billigen Handyfotofunktion, machte sich zur Landung bereit.

Er stand jetzt direkt über Berlin. Da – das Regierungsviertel. Da – das Bundeskanzleramt. Da – Marxers Geist durchdrang Mauern und Wände – der Recreation Room der Kanzlerin, spartanisch eingerichtet wie eine Nonnenzelle im fidelen Kloster der Heiligen Jungfrau mit dem abgewetzten Samtsakko. Sie lag rücklings auf einer schmalen Pritsche, hatte die Augen geöffnet und sah zur Decke, sie starrte in das Auge der Kamera, die Marxers Geist war, sie blinzelten, diese Augen, und dann hörte Marxer die Bundeskanzlerin etwas murmeln Es klang wie „Marxer, steh uns bei“. Oder „Marx, steh uns bei?“ Das ernüchterte den Dichter schlagartig. Er brachte seinen Körper zurück in eine korrekte Sitzposition, fing seine Geistkamera wieder ein, wandte den Kopf suchend durch einen Viertelkreis, erblickte Hermine und fragte: „Wie spät ist es?“

„Zwei Uhr nachts“, lautete die Antwort. „Und was tun wir gerade?“ „Wir warten.“ „Auf was?“ „Auf den Morgen.“ „Cool.“

„Cool“, echote es. Denn Jonas hatte soeben am einzigen Glücksspielautomat der „Bauernschenke“ zehn Freispiele gewonnen. Marxer suchte nach seiner Geldbörse, fand sie, öffnete das Fach mit den Münzen, ließ diese auf die Tischplatte klimpern. „Hier Leute, Nachschub. Ihr seid die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland, lernt zocken, ihr werdet es brauchen können.“

Ein großes Hallo bei der Jugend quittierte diese weise Rede. Marxer sehnte sich nach einem alkoholfreien Bier, wusste allerdings, dass dies hier ebenso wenig zu haben sein würde wie koffeinfreier Kaffee oder Wiener Schnitzel mit Kalbfleisch. Etwas wurde vor ihn gestellt, es schäumte. Marxer griff danach, leerte es in einem Zug. Rutschte wieder bedenklich in die Schräge. „Halleluja“, dachte Marxer und sagte: „Wo sind die andern?“ Hermine antwortete: „Moni und Helga haben sich hingelegt, die Künstlerinnenmädels sitzen im Nebenzimmer und überlegen einen überraschenden Ausfall und wie viele Jahre sie eventuell wegen schwerer Körperverletzung in den Knast müssen, Oxana und Sonja haben sich, äh, zurückgezogen, Borsig sitzt hier hinten und säuft sich die Hucke voll, Irmi, Mohamad und Mirjam machen ein wenig Ordnung in der Küche, Moritz bereitet sich seelisch und moralisch darauf vor, wie wir gleich Moni und Helga beim Schlafen ablösen – und du fällst gleich vom Stuhl, stell bitte vorher das Bierglas wieder auf den Tisch.“

Marxer hörte es nicht. Also nicht richtig. Seine Geistkamera war wieder in der Luft, er lenkte sie zurück über Berlin, über das Kanzleramt, über den Recreation Room der Kanzlerin, über die schmale Liege. Er dankte Gott dafür, dass die Kanzlerin vollständig bekleidet war. Sie hatte die Augen noch immer geöffnet. Sag was, bat Marxer. Sag was Wichtiges. Doch die Kanzlerin war längst eingeschlafen.

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