02.11.2011 -330-

„Huhu“, sagte ich fröhlich und stiefelte in den Schankraum. Die dort Anwesenden fuhren herum und betrachteten mich wie einen Geist, eher einen bösen denn einen guten. „Moritz!“ beendete Hermine die Schrecksekunde, „Wo kommst denn DU jetzt her!“ „Aus der Hinterhofszene“, antwortete ich wahrheitsgemäß und fügte hinzu: „Ich denke mal, wir sind inzwischen eingekesselt.“ Nancy, die isländische Bildhauerin, schaffte es, dass ihre Mundwinkel ihre Ohrläppchen berührten. „Prima! Das heißt fröhliches Bullenhauen! Irmi hat uns ja gerade die Show gestohlen!“

Mitlachen wollte indes niemand. Ich berichtete von meinen Beobachtungen, den Mannschaftswagen draußen, den abtransportieren Rentnern, meinem mühseligen Weg hierher. Marxer schüttelte den Kopf. „Das ist doch… irgendwie nicht das, was wir von einer Demokratie erwarten, oder?“ Rhetorische Frage und ebenso rhetorisch konterte ich mit „Und was erwarten wir von einer Demokratie? Dass sie die Lobbyisten und Zocker zum Teufel schickt?“ Keine Antwort. „Was machen wir jetzt?“ kam Jonas auf den Boden der Tatsachen zurück. „Ich hab ja nix gegen, mal ein paar Bullen zu verprügeln… äh, ich meine zuzugucken, wie welche verprügelt werden. Aber hilft uns ja irgendwie auch nicht weiter. Oder lieg ich da jetzt falsch?“

Weder eine konkrete noch eine rhetorische Antwort. Wir schauten uns an, endlich seufzte Marxer und sagte: „Wir müssen die Presse informieren.“ Er erntete hämisches Gelächter. „Unsere Handys funktionieren nicht. Und auch wenn: Die Presse funktioniert nicht. Noch nicht mitgekriegt?“ Marxer war beleidigt. Hatte ja Recht, seine kluge Kasachin. Aber dieser Publicity-Mehrwert! Hey, er war einer von geschätzten 594.394 deutschsprachigen Krimischreibenden, kein Kritikerhintern war abstoßend genug, um seine Erkundung nicht wenigstens zu erwägen – und jetzt steckte er mitten in der größten Affäre, die die Welt bisher gesehen hatte! Na ja, eine Nummer kleiner. Aber selbst dann bedeutete das Marxers sofortigen Aufstieg zum Topautor, zur Bestseller-Bestie. „Okay“, sagte er schließlich, „ich haue ab, schlage mich durch, lasse meine Beziehungen spielen und bringe die ganze Sauerei an die Öffentlichkeit. Wozu bin ich bei Facebook.“

„Und wir?“ fragte Hermine. „Wir warten hier und ernähren uns von dem leckeren Essen, das Mohamad und Mirjam zubereitet haben oder was?“ „Wenn sie uns hier schon festhalten, werden sie uns auch verpflegen müssen“, hoffte Borsig. „Wahrscheinlich ist es wie im Krankenhaus, wir kriegen so Zettel, wo wir zwischen drei Menüs auswählen können. Oder Schonkost.“

„Nein“, meldete sich Laura zu Wort, „wir müssen in den Hungerstreik treten!“ Ganz schlechte Idee. „Das bringt nur was, wenn irgendjemand da draußen mitbekommt, dass wir im Hungerstreik sind, Schätzchen“, erklärte Oxana. „Tut aber keine Sau.“ „Hm“, sagte ich, „aber das muss doch auffallen! Alles abgesperrt, die Kneipe dicht, überall Polizei.“

Ich hatte den Satz kaum beendet, als die Tür geöffnet wurde und ein Polizist mit reichlich Lametta an der Uniform eintrat. „Gerhard Münster!“ kläffte Irmi im strengen Ton der lebenslangen Lehrerin, „DU traust dich hier rein? Wo ist das Klassenbuch?“ Münster streckte seinen imposanten Leib und antwortete mit hörbar bewegter Stimme: „Keine Sentimentalitäten, Fräulein Irmi! Ich bin hier als Vertreter der Bundesregierung und tue nur meine Pflicht! Ich bin autorisiert, Ihnen einen Verschlag zu machen, den Sie nicht nur nicht ablehnen werden, sondern gar nicht ablehnen können! Die Bundesregierung schlägt Ihnen freie Ausreise in ein Ferienland Ihrer Wahl vor – ich empfehle Mauritius, kenne da ein prima Luxusressort, all inclusive, sogar die Alkoholika -, alles auf Kosten des Steuerzahlers, versteht sich, dazu pro Monat 5000 Euro Taschengeld für jeden, deutsche Personalausweise für die Asylanten unter den Anwesenden, das Ganze auf sechs Monate angedacht. Gegenleistung: Schnauze halten. Sie haben eine Stunde für die Entscheidung.“ Drehte sich um und ging.

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