30.10.2011 -327-

„Wach doch wieder auf, Schätzchen“. Vika tätschelte die Wangen der Ohnmächtigen, aber die rührte sich nicht. Eine Wunde war nicht zu erkennen, kein Blut, keine Delle am Kopf. Gestürzt und mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, so würde es wohl gewesen sein. Und was machte die hier? Falsche Frage, Vika. Was machst DU eigentlich noch hier? Bei der Kleinen handelte es sich, keine Frage, um eine Komplizin der Feinde, du hilfst also gerade denen, die dich am liebsten verhungern und verdursten lassen wollten. Und was war mit Lydia Gebhardt? Verschleppt worden? Vika musste wissen, ob sie gerade selbst wieder eine Gefangene war oder nicht. Also raus und zur Eingangstür. Die gab nach, die Luft der Freiheit wehte kalt in den Gang. Immerhin. Wieder zurück zur Ohnmächtigen, sich neben sie knien, die Wangen tätscheln, „komm schon, Darling“, sagen. Denn ein Darling war sie schon. Hübsch, sehr hübsch sogar.

Sie steckte in einer schneeweißen wattierten Jacke und robusten schwarzen Jeans. Zeit, sie zu durchsuchen, nach irgendwelchen Papieren, einer Waffe, was auch immer. Doch außer zwei zerknüllten und benutzten Papiertaschentüchern trug die Unbekannte nichts bei sich, auch ihre unvermeidliche Handtasche – Frauen gehen lieber nackt auf die Straße als ohne Handtasche – war nirgendwo zu sehen. Vika tätschelte weiter. Die Augenlider der Ohnmächtigen flackerten, ihre Lippen bewegten sich. „Komm schon, ja gut so“, ermunterte Vika. Jetzt bräuchte man kaltes Wasser, um es ihr ins Gesicht zu schütten.

 

*

 

Pfusch. Das hier war erbärmlicher Pfusch. Übliches Versagen der Sesselfurzer auf Kosten einer Halbhundertschaft frierender Ordnungskräfte, die endlich auf eine klare Entscheidung warteten. Die Leute in der Kneipe einfach isolieren, als seien sie ein Stamm gefährlicher Grippeerreger? Ganz dezent umzingeln, sobald jemand die Wirtschaft verlassen will, ihn noch dezenter daran hindern? Oder doch die brachiale Methode: Knarren ziehen und auf sie mit Gebrüll. Egal. Irgendetwas halt. Aber nicht nichts wie üblich. Der Einsatzleiter seufzte. Er hatte die Politik gründlich satt.

Hm. Also keine gezogenen Knarren. Immerhin. Reingehen? Ein wenig martialisch Show machen mit rußgeschwärzten Visagen? Aber ohne Waffen? Nicht mal Schreckschusspistolen? Nicht mal die. So unauffällig wie möglich. Der Einsatzleiter rief drei seiner Leute zu sich und erklärte ihnen die Lage. Mal aufmerken. In der Kneipe befindet sich eine nicht genau bekannte Anzahl gefährlicher Subjekte. „War jetzt klar“, murmelte einer und der Einsatzleiter verstand ihn. Waren halt alle gereizt. Mitten in der Nacht, die Kälte, die Ungewissheit. Er winkte ab. „Wir stecken in einem Dilemma. Wenn wir die Leute am Weggehen hindern, gibt es Aufsehen. Ebenso, wenn wir sie einfach nur einkesseln. Wir können schließlich nicht das ganze Gebiet hier evakuieren.“ Dreimal bedächtiges Nicken. Waren alles Profis hier, der Einsatzleiter liebte seine Leute. „Und wenn wir sie einfach abtransportieren? In einen Bus und an einen unbekannten Ort?“ Guter Vorschlag. Hätte er ja auch so gemacht, von Anfang an. Aber die hohen Herrschaften in der Kommandozentrale, die Sesselfurzer halt, konnten sich nicht dazu entschließen.

„Wir gehen rein“, entschied der Einsatzleiter. „Ihr drei. Bisschen bös gucken, bisschen rumschreien, die volle Kampfmontur, aber keine Knarren.“ „Hä?“ machte einer und auch ihn verstand der Einsatzleiter. „Ohne Knarren“, wiederholte er seufzend. „Ich kanns nicht ändern, Jungs. Ist nun mal so. Haut die Tür auf, stürmt rein, einer schreit ‚Keine Bewegung, Polizei‘ oder irgendso einen Scheiß, das werden die aus dem Fernsehen kennen und sich in die Höschen machen. Dann kurze Ansage: Niemand verlässt den Raum etc. Also auf. Wird schon.“

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Eine Antwort zu 30.10.2011 -327-

  1. Ingrida schreibt:

    Jetzt sollten im weiteren Verlauf die Handtaschen der Damen zum Einsatz kommen. Kriminelle Kleinigkeiten verschwinden in ungeahnte Tiefen. Vor allem sind die Damen in Führungspositionen gefragt: Milliarden einer Bad-Bank… o o o, oder Familienbilder: Frage nur so in den großen Raum des Internetz: Wieviel Ähnlichkeit besteht zwischen Familien-Ministerin Schröder und Netzer?

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