29.10.2011 -326-

Vika war, sobald sie das Geräusch am Eingang gehört hatte, eine Tür weiter gehuscht. Glück gehabt: Sie war nicht abgeschlossen. So leise wie möglich hinein in die perfekte Dunkelheit, das Ohr an den Stahl gepresst, man hörte kaum etwas, ein solider Bunker eben. Lichtschalter? Tasten. Ja, gab es. Nur mal schnell für eine Sekunde ausleuchten – hier sah es aus wie scheinbar in allen anderen Räumen. Nicht ganz. In einer Ecke lag eine bekannte schwarze Handtasche, achtlos hingepfeffert. Alles drin, bis auf den Revolver natürlich. Aber den hatte sie doch im Hotelzimmer zurückgelassen, oder?

Vika schlich zurück auf den Gang. Durch die Tür, hinter der sich Mareike, Frau Schnüffel, Lydia Gebhardt und Honig sowie wenigstens eine Person X  aufhielten, drangen gedämpfte Sprachfetzen einer erregten Diskussion, nichts zu verstehen. Blödsinn, dass ich hier rumstehe, kam es Vika. Ich muss raus, ich muss schauen, was die tun, wenn sie weggehen, ich muss wissen, wer diese Person X ist. Ein Schrei? Jedenfalls schlagartig Ruhe danach. Ein Instinkt riet Vika zu verschwinden, bis zum Eingang war es zu weit, also zurück in den Nebenraum, die Handtasche fest an den Körper gepresst. Es wurde eng. Als sie vorsichtig die Tür zudrückte, ging die des Nebenraumes auf, schnelle Schritte entfernten sich, ein Gezische, ein einzelnes „Oh mein Gott!“

Mist. Wenn sie jetzt hinter sich abgeschlossen hatten, würde Vika wieder durch eines dieser Scheißlüftungsrohre ins Freie kriechen müssen. Sie verließ ihr Versteck, machte die paar Schritte zum nun verlassenen Nebenraum, dessen Tür offen stand und der, das sah sie sofort, nicht ganz so verlassen war. Auf dem Boden lag eine Person, eine Frau von geschätzten 25 Jahren, Vika hatte sie noch nie gesehen. Ohnmächtig, tot? Jedenfalls die Person X. Vika ging in die Knie, fühlte den Puls der Leblosen, er schlug schwach, aber er schlug. Auch Mist. Sie gab ihr einen Klaps auf die eine Wange, einen auf die andere, der Mund der Ohnmächtigen öffnete sich eine Winzigkeit, ging dann wieder zu.

 

*

 

Wo war ich hier? Auf irgendeinem Hinterhof, klar, aber auf welchem? Eine Mauer vor mir, eine zur Linken, eine zur Rechten. Soll ich jetzt würfeln oder was? Ich wählte die Mauer direkt vor mir, sie schien mir nicht so hoch wie die beiden anderen, was aber wohl eine optische Täuschung war. Gottlob gab es hier Mülltonnen, eine stand sogar unter einem Vordach, ihr Deckel war nass, aber nicht von Schnee und Eis überzogen. Draufstellen, hochziehen, das alte Problem: Irgendwie auf der anderen Seite runterkommen. Inzwischen hatte ich Erfahrung und schaffte es, ohne auf dem Hintern zu landen. Mein rechter Knöchel schmerzte noch von der letzten Mauer.

Wenn ich mich nicht verlaufen hatte, stand ich nun im Hof der „Bauernschenke“. Es war sehr still, viel zu still. Ich humpelte zur Tür, drückte die Klinke, drückte die Tür auf, geriet in einen willkommenen Schwall Warmluft, hörte Stimmen, wohlvertraute Stimmen. „Also ich bin dafür, wir frieren das jetzt alles ein“, sagte Hermine und die Monikastimme protestierte nur schwach dagegen. „Na, die alten Biester sollen sich hier noch einmal blicken lassen!“ Die Rentner taten mir leid, sie konnten nun wahrlich nichts dafür. „Merkwürdig“, sagte Mohamad, „warum kommt nicht mal EINER? Und warum gehen eure Handys nicht mehr?“ Ich würde alle diese Fragen beantworten können, aber ich konnte mich nicht bewegen. Mein Körper war vereist, verrenkt, schmerzte, die unerwartete Warmluft hatte meine Willenskraft gebrochen. „Und wo, zum Teufel, bleibt dieser Moritz?“ Hermines Stimme vibrierte bedrohlich und das riss mich aus meiner Lethargie. Ich begann zu hüsteln und mich in Bewegung zu setzen. Genau in diesem Augenblick gab es einen fürchterlichen Lärm im Gastraum.

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