28.10.2011 -325-

Die Bundeskanzlerin knallte ihre Handtasche auf den Tisch, so dass dieser erzitterte und alle Herren, die an ihm Platz genommen hatten, mit. Die erste Frau der Republik war schlecht gelaunt, erzürnt, wütend, die Dinge verselbständigten und verkomplizierten sich, mäanderten planlos, ziellos, die Presse schüttete Eimer mit Häme über der Regierung aus – und ihr kleiner Franzose dachte nur an die nächsten Wahlen und die bevorstehende Niederkunft seiner Frau, was beides zusammengehörte.

Ich habe noch nie gehört, dass sie „Leckt mich doch alle am Arsch“ gesagt hätte, dachte Kriesling-Schönefärb und schaute auf die Tischvorlage. Thema: Es geht um alles. Oder: Alles geht grad fröhlich den Bach runter. Oder: Der Bach ist längst ein reißender Strom und kein Mensch kann schwimmen. Und diese Frau, dachte Kriesling-Schönefärb weiter, flucht nicht einmal, sie knallt ihre Handtasche auf den Tisch, ihre Handtasche, in der sie die Handakte mit den Staatsgeheimnissen verstaut hat wie andere ihre Lippenstifte, Wimperntuschen, Papiertaschentücher.

Doch auch diese winzige Gefühlswallung ebbte sofort wieder ab. Die Bundeskanzlerin lächelte. Nickte spitzbübisch in die Runde, die sofort spitzbübisch zurücklächelte und bat den Finanzminister, die Anwesenden auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. „Ja“, sagte der Finanzminister und nestelte an seiner Brille. „Der Franzose zickt noch. Der Luxemburger verliert die Nerven und diskreditiert uns in aller Öffentlichkeit. Der Grieche hält die Hand auf und erklärt vor der Presse, Griechenland sei eigentlich ein zu vernachlässigendes Randproblem. Der Engländer feixt, weil ihm die ganze Sache am Arsch vorbei geht. Der Italiener denkt eh nur an Minderjährige mit Riesenbrüsten. Der Spanier tut so, als wäre das ganze Leben ein einziger Stierkampf. Der Belgier hat mit sich selbst genug zu tun und vom Polen hören wir gerade nichts, was sehr beunruhigend ist.“

Die Kanzlerin hatte beim Vortrag des Finanzministers ausdauernd genickt und wandte sich nun dem Außenminister zu. Der erschrak und begann sich ausgiebig zu räuspern, was die Bundeskanzlerin nach fünf quälend langen Minuten mit einem genervten „Jetzt aber mal ein bisschen konzentrieren, Jungchen“ beendete. Der Außenminister konzentierte sich. „Also äh… In Libyen ist der Zug für uns abgefahren. In Afghanistan gibt es leider keinen Zug, mit dem wir unsere Jungs zurück in die Heimat fahren könnten. In den USA werde ich grundsätzlich nur von der Schreibkraft des fünften Unterstaatssekretärs empfangen. In der Nato nennen sie mich jetzt Guilto und mein Stammbäcker am Potsdamer Platz spuckt in den Teig, bevor er meine Frühstücksbrötchen formt.“

Auch hier hatte die Kanzlerin nur gelächelt. Sag doch endlich mal was, flehte Kriesling-Schönefärb in sich hinein. Mach das Maul auf, scheiß sie zusammen, erkläre Frankreich meinetwegen den Krieg, aber sag was, tu was! Er spürte, wie sein Gesicht von tiefster Röte überzogen wurde. Er hasste diese Abendkonferenzen. Er musste sich beruhigen. Er hatte Sonja zu erreichen versucht. Kein Netz. Hatte es bei Hermine probiert. Kein Netz. In der Gaststätte, wo sie sich immer trafen. Kein Netz. Er konnte sich einfach nicht beruhigen. Starrte auf die Handtasche der Bundeskanzlerin, die Handtasche mit der Handakte, in der alles geschrieben stand, was sie niemandem verriet, nicht einmal scheibchenweise. Immer nur Beschwichtigungen.

„Schön“, sagte die Bundeskanzlerin und blickte abermals in die Runde. Diesmal aufmunternd, motivierend. „Und wohin geht unser diesjähriger Osterausflug? Schon irgendwelche Ideen? Aber bitte nicht mehr mit Ostereiersuchen. Lach.“ Das war furchtbar, das war witzig, aber das war so furchtbar witzig, dass die Röte in Kriesling-Schönefärbs Gesicht schockiert Reißaus nahm und einer ungesunden Blässe Platz machte. Die Handtasche

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Eine Antwort zu 28.10.2011 -325-

  1. Bio schreibt:

    Auf dem politischen Parkett bist du immer am Besten 😀

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