22.10.2011 -319-

Jemand näherte sich der Wohnungstür. Redete, kam also nicht allein. Frauenstimme. Was jetzt, Vika? Sie sah sich um (hätte sie schon vorher machen sollen, Fehler über Fehler, war doch seit einer Stunde hier) der Fernseher, die Regale, die Couch. Huschte ins Schlafzimmer – das Bett. Abschätzen. Müsste zu schaffen sein. Schon lag sie drunter, die Matratze einen Zentimeter über der Nasenspitze. Sollte es hier gleich zu sexuellen Verrenkungen kommen, na dann gute Nacht.

„Komm rein“, sagte die Mareikestimme und eine andere, auch weiblich, machte „hm“ und räusperte sich. „Wie bist deinen Alten eigentlich los geworden?“ Aha, sie setzten sich auf die Couch. „Hab ihn ganz einfach in London sitzen lassen.“ Jetzt erkannte Vika die Stimme. Frau Schnüffel persönlich. „Kapier ich sowieso nicht, wie du auf diesen Assi hast reinfallen können. Bist doch ne Frau mit Stil.“ Machte sie die andere gerade an? Dieses Timbre in der Stimme. Bleib standhaft, Mädchen, betete Vika, ich kann hier keinen Sex über mir gebrauchen.

„Ach lassen wir das.“ Frau Schnüffel ungeduldig. „Is schon gut, Sandra. Hast Recht. Denken wir an die Zukunft.“ „Ja“, antwortete Sandra und dann schwiegen sie erst einmal, bis Mareike „Willst nen Tee, nen Kaffee, ein Wasser, Orangensaft oder was Alkoholisches?“ im reichhaltigen Angebot hatte. „Wasser“, sagte Sandra knapp. Ächzen der Couchfedern, Schritte Mareikes zum Kühlschrank. Schritte zurück, wieder Ächzen der Couchfedern. „Danke“, sagte Sandra und: „Was ist eigentlich mit den Weibern?“ „Im Bunker. Sollen verrecken.“ Knallhart, die zarte Tänzerin. „Hm“, machte Sandra wieder. „Wenn das nicht anders geht.“ Auch knallhart, die Schnüffelche.

„Nein“, bekräftigte Mareike, „geht nicht anders. Dass Honey seine Tusse mitbringt – da siehst mal wieder, wie Männer denken, wenn sie glauben, dass sie denken. Was sollen wir mit der? Stört nur. Und die andere, die Detektivin – na ja. Im Bett ganz brauchbar, hübsches kleines Spielzeug.“ Ich bring dich um, schwor sich Vika. Aber jetzt ganz ruhig bleiben, gleichmäßig atmen. Bloß nicht zu husten anfangen. Obwohl… Sie würde mit den beiden fertig werden, nicht nur, weil sie gerade so geladen war. Trotzdem: Erst einmal zuhören, was sie sich so erzählten.

„Und weiter?“ wollte Sandra wissen. „Was weiter?“ Gegenfrage Mareike. „Wir müssen halt abwarten, was der Chef sagt.“ „Und was sagt er bisher?“ Wieder eine Schweigeminute. Mareike überlegte, was sie der anderen offenbaren sollte und was nicht, sonnenklar das. „Er sagt… dass wir zu viele Probleme haben. Personalprobleme. Typen, die einfach durchdrehen und sich nicht an die Vereinbarungen halten.“ „Ich halte mich dran!“ Lag etwa eine Spur Panik in Sandras Stimme?

„Du schon.“ Mareike beruhigte. „Aber… Honey zum Beispiel. Rastet langsam aus. Ich denk mal, der hat keine große Zukunft mehr. Oder der deinige. Schnüffel. Wärst eigentlich traurig, wenn dem was passieren würde?“ Schweigeminute. „Nein“, die unbarmherzige Antwort der Ehefrau. „War ein schwerer Fehler damals, aber der Kerl hat mich erwischt, als es mir dreckig ging, saudreckig.“ „Is schon okay. Wir machen alle Fehler.“ Wieder dieses Timbre in Mareikes Schlafzimmerstimme. Willst die wohl auch ins Bett kriegen, was? Aber scheint eine überzeugte Hete zu sein. Ätsch, geschieht dir recht.

„Wo ist Honey eigentlich?“ „Einkaufen“, informierte Mareike, „und dann geht er noch mal in den Bunker. Nachgucken ob. Gefällt mir nicht. Ich glaub, der hat Mitleid mit seiner Alten. Ich glaub, wir fahren da auch noch mal hin, damit er keine Dummheiten macht.“ „Gut“, stimmte Sandra zu. „Hoffentlich kommt da nicht irgendwer hin, der dort nichts zu suchen hat.“ „Nein“, sagte Mareike, „den Bunker kennt heute kaum noch jemand und den Eingang schon gar nicht. Wer käme drauf, dass der direkt neben dem Friedhof ist.“ Aha. Merken. Neben dem Friedhof. Vikas Nase kitzelte.

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