21.10.2011 -318-

Nach dem Verzehr seiner fettigen Mahlzeit erwies sich Atze / Ouzo als ein selbst von erfahreneren Investigatoren und Verhörspezialisten kaum noch auszuquetschender Mann. Er gähnte, rauchte, trank, wechselte die Reihenfolge, rauchte, trank, gähnte, brachte das Gespräch zurück zum Anfang, Babette und die guten alten Zeiten, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, vertraute mir – „Aber is alles Schnee von gestern, Alter!“ – an, mich gehasst zu haben, weil nicht er, sondern ich mit Babette…und so weiter, die bekannte Leier.

Günther Rath? Ja, wie man Nachbarn eben so kennt. Der Typ von der Bäckertheke im Hauptbahnhof, keine drei Worte gewechselt, das meiste vom Hörensagen. Auf seine Art sei Rath eine kleine Berühmtheit gewesen, C-Prominenz gewissermaßen. „Den haben doch alle für bescheuert gehalten.“

Auch der Versuch, ihn auf die neuesten weltpolitischen Ereignisse anzusprechen, scheiterte kläglich. „Interessiert mich doch nicht, was da auf Island läuft! Und der Euro? Geh mir bloß weg! Ich will eh die DM wieder! Und diese Griechen, also nee! Eurobonds? Ha, ha, damit der brave Sparer… Arschgeigen, nix als Arschgeigen, wohin du guckst…“ Hier sprach der Finanzbeamte und das wollte ich mir nicht länger antun. Verabschiedete mich artig, dankte für die Tipps im Umgang mit dem unbotmäßigen Sohn meiner Freundin, „ja, genau, der soll sich erst mal einen Anker auf den Oberarm tätowieren lassen, ich schick dir den Knaben dann mal vorbei“ und zog von dannen. Hatte sich der Besuch gelohnt? Ja und nein. Ouzo und Akropolis, weiter nichts. Verkomplizierte alles nur noch.

Das Haus, in dem Günther Rath gewohnt hatte, war eine der in dieser Gegend weit verbreiteten Mietskasernen aus den fünfziger Jahren, ein Relikt des sogenannten sozialen Wohnungsbaus. Wie so vieles waren sie längst privatisiert worden, frisch gestrichen und mit jeweils einem kleinen Baum vor der Front ausgestattet, damit man die Miete hatte verdoppeln können. Die Wohnung Raths lag im 4. Stock und ich überlegte, wie es mir gelingen würde, sie zu betreten, ahnte indes schon, es sei unmöglich, selbst wenn mir der Zufall in Gestalt einer netten Nachbarin zu Hilfe käme. Es sei denn, sie hätte einen Schlüssel für die Wohnung. Aber was erhoffte ich dort zu finden?

Nichts. Eine tiefe Depression sprang mich an, ohne Vorwarnung und von einer solchen Heftigkeit, dass ich das nächstgelegene Café ansteuerte, um mich bei Kaffee und Kuchen auf die Existenz als kleinbürgerlicher Rentner vorzubereiten. Ich wählte ein extragroßes Stück gedeckten Apfelkuchen, weil ich den besonders hasse, er ist der Inbegriff von sonntäglicher Tantigkeit, nur noch übertroffen von Schwarzwälderkirsch, aber den hatten sie hier nicht. Für den Kaffee natürlich Milch und Zucker, so wie sie es alle tun. Keiner, außer mir, trinkt seinen Kaffee mehr schwarz und nun hatte auch ich mich von diesem Brauch der Existentialisten, Bonvivants und Liebhabern des literarischen Noir losgesagt. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre noch einen Schritt weitergegangen: Süßstoff statt Zucker. Tiefer konnte ein Mensch nicht mehr sinken.

Vorbei. Ich würde aus dem Fall aussteigen. Mir eine Fahrkarte nach Irgendwo kaufen, ein neues Leben beginnen, schön unauffällig, mir sogar einen Job suchen – mein Gott, war ich down! – und sogar an die Gründung einer Familie denken. Und dann warten. Auf die Apokalypse, worauf sonst.

Wieder ins Freie getreten, begab ich mich auf den Fußmarsch nach Hause. Es ging mir erstaunlicherweise etwas besser, was vielleicht daran lag, dass sich eine schwarze Macht Schneewolken über die Stadt hatte wehen lassen, um diese unter ihrem Weiß zu begraben. Von mir aus. Macht nur. Mir ist alles egal. Begnügt euch doch nicht mit dieser jämmerlichen Stadt, reißt doch gleich die ganze Welt mit in dem Abgrund. Und warum Schnee, warum nicht Feuerzungen wie in den guten alten Zeiten, als Gott noch manchmal als bärtiger alter Mann arglosen Menschen erschien? Ich sah hoch. Mitten hinein in die Wolken. Kein bärtiger alter Mann lugte zwischen ihnen hervor.

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