20.10.2011 -317-

Einmal, für Sekunden, war er ein Held gewesen. Hatte eine Frau aus den Händen von Verbrechern gerettet. War eingetaucht in die warme Welt von Freundschaft und Dankbarkeit, ganz normale Menschen, Menschen, denen man übel mitspielte. Alles vorbei. Der erste leichte Gegenwind hatte Kriesling-Schönefärb zurück in die alte Spur des Kuschens und Hinnehmens geweht, ihn zu dem gemacht, was er immer gewesen war: Jasager, Karrierist, Angsthase, Arschloch.

Er stand am großen Panoramafenster seiner Penthouse-Wohnung und überblickte das nächtliche Berlin. Da unten tummelte es sich. Täter und Opfer, Wissende und Arglose, Gewitzte und Hilflose, Erfolgreiche und Gescheiterte, Autoren und Leser. Schulterzucken. Ist eben so. Du bist nun mal ein Opportunist, Kriesling-Schönefärb, schon dein alberner Doppelname, den sich nicht einmal der hirnloseste Krimiautor hätte ausdenken können. Kriesling-Schönefärb, der ewige Brustschwimmer im Kinderbecken, das ängstliche Bübchen mit den Schwimmflügeln, das ständig nach seiner Mama am Beckenrand schaut, ob sie auch stolz auf ihn ist. Seine Mama. Die Bundeskanzlerin. Und die vielen strengen Papas, die von ihrer Erziehungsberechtigung Gebrauch machten. Böser Bub! Der Blick des Finanzministers, die Blicke der Nachrichtendienstler. Und er? Kuschte.

Selbstmitleid? Ja, darin war er groß. In seinem Luxusapartment über der Stadt, weitab von den wirklichen Problemen. Er hatte seine Chance gehabt und sofort wieder versemmelt. Funktionierte. Dachte sich blöde Sprüche aus, um die Bürger zu seinesgleichen zu machen, zu manövrierbarer Masse, Stimmvieh, Bezahlern, Betrogenen, Beschissenen. Dabei ging gerade alles den Bach runter. Das labile Kartenhaus wackelte und würde einstürzen. Man schnappte sich schnell ein paar Schäfchen, klemmte sie sich unter die Arme und versuchte sie ins Trockene zu bringen. Nur darum ging es noch.

Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, alles hinzuwerfen. Im nächsten Moment damit, alles beim Alten zu belassen. Dann fügte er beide Gedanken zusammen. So tun, als belasse man alles beim Alten, in Wirklichkeit aber sich verabschieden. Ein Maulwurf, ein verdeckter Ermittler. Das war Abenteuer.

Und warum das alles? Diese Frau, die er kennen gelernt hatte. Sonja. Kaum mit ihr gesprochen, aber ihre Blicke. Das war sie. Ihr Gesicht ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, es lag über der nächtlichen Stadt wie eine riesige Projektion. Er wollte ihre Stimme hören, jetzt gleich. Anrufen. Keine gute Idee. Sie hörten bestimmt das Telefon ab. Sie hatten bestimmt auch Mikros in seiner Wohnung installiert. Sie wussten alles. Er musste vorsichtig sein.

Eine Mail schicken? Ha, ha, ha. Wenn sie schon Bundestrojaner verschickten, dann garantiert zuerst an IHN, den unsicher gewordenen Kantonisten. Wie machte man das eigentlich früher? Auf Papier und mit Briefmarken, daran erinnerte er sich vage. Brauchte aber lange und war nicht ganz so wie Chatten.

Er dachte daran, sich dem Geheimdienst als Doppelagent anzubieten, um Sonja nahe zu sein. Wäre natürlich gefährlich, könnte zu Missverständnissen führen. Man müsste etwas in der Hand haben. Unterlagen. Dazu müsste man wissen, welches Ministerium mit der Sache betraut war. Innen? Justiz? Gar das Kanzleramt selbst? Egal erst einmal. Im Augenblick konnte man nichts Konkretes entscheiden. Er drehte sich um, ging zum Sofa, setzte sich und schaltete den Fernseher ein. Die übliche Talkshow im Ersten, der übliche Erotikkrimi im Zweiten, Nachrichten bei ntv, am unteren Bildrand wie immer das Endlosband mit den Börsennotierungen des Tages, heute alles im Plus. Kriesling-Schönefärb ertappte sich dabei, sein Aktien-Portfolio im Geiste durchzugehen und den Gewinn auszurechnen, den er gerade gemacht hatte. Sich zu überlegen, was man abstoßen, was man neu hinzunehmen sollte. Aber genau so gings immer los. Gier. Er würde alles verkaufen. Bargeld. Unter die Matratze damit. Nein, total dumm. Flucht in Sachwerte. Ein Häuschen im Grünen mit Garten, sich vorstellen, dort mit Sonja… er nickte ein, der Fernseher lief weiter.

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