19.10.2011 -316-

Zehn Minuten Fußmarsch und Vika befand sich wieder in der zivilisierten Welt. Zivilisiert bedeutete: ein winziges Ladengeschäft mit Mineralwasser und Sandwiches, ein glücklicherweise in der Hosentasche zerknüllt gebunkerter Zehnpfundschein. Ihre Handtasche hatten sich Mareike und Honig unter den Nagel gerissen, ein weiterer Grund, sie aufzustöbern und zu bestrafen.

An das Aufstöbern des Bunkereingangs war vorerst nicht zu denken. Konnte überall sein. Aber wo Mareike wohnte, das wusste Vika. Gar nicht weit. Lydia Gebhardt konnte warten und weiter weinen.

Das Apartmenthaus. Dritter Stock, irgendwo läuten, das Summen des Türöffners, drin, hoch. Vor Mareikes Wohnungstür: horchen, klingeln, nichts. War nicht anders zu erwarten gewesen. Haarnadel. Glaubt einem kein Mensch, aber funktioniert tatsächlich, wenn man es kann. Vika konnte es. Tür auf.

Die Wohnung war leer, ein Blick ins Schlafzimmer auf das ungemachte Bett, für einen Moment kam die Erinnerung wie ein Album schwülstiger Bilder, wurde aber sofort wieder zugeklappt. Vorbei, meine Süße. Jetzt sind wir zurück im harten richtigen Leben, im richtig harten Leben.

Wenn sie schon mal hier war und eine ungewisse Zeit lang warten musste, konnte sie auch die Wohnung durchsuchen. Professionell, versteht sich. Schränke und Türen öffnen, in Schubladen kramen, Papiere sichten, den modischen Geschmack der Tänzerin genauer kennen lernen und bewundern, sie wusste sich zu kleiden. Geheime Werkzeuge in noch geheimeren Winkeln des Kleiderschranks, ein hämisches Vikagrinsen, aber jetzt bitte nicht schon wieder ein Fotoalbum mit erotischem Inhalt.

Alles in allem war Mareike die gewöhnliche Schlampe, benutzte Schubläden als Gräber für alles mögliche, flüchtig reingestopft, zerknitterte und unbezahlte Rechnungen, Mahnungen, ernste Mahnungen, dazwischen Bonbonpapier, Umverpackung von Fertiggerichten, ausgerissene Zeitungsartikel, meistens Kritiken der Auftritte ihrer Tanztruppe, aber auch viel über die isländischen Zustände der letzten Zeit. In einer hinteren Ecke ein kleines, von zahlreichen Eselsohren verunstaltetes Büchlein, auf dessen erster Seite „Tagebuch 2008“ stand und das nur zwei Einträge enthielt. „1. Januare 2008: Ich werde ab sofort Tagebuch führen, damit ich nachlesen kann, was ich mal gedacht habe.“ Und „5.1.2008: Ich glaube, es ist mir scheißegal, was ich gedacht habe und ich will das auch gar nicht mehr lesen, also warum soll ich das aufschreiben.“

Na prima. Wenigstens an Selbsterkenntnis schien es ihr zeitweise nicht zu mangeln. Sonst fand sich nichts von Interesse. Keine Briefe, keine Notizen, kein Telefonbüchlein… doch, da! Oder? In unleserlichen Ziffer gekritzelte Zahlenfolgen, aber Telefonnummern waren das nicht. Ein Code? Nur eine Seite in einem Taschenkalender. Vika schrieb es sich ab.

Dann wurde sie müde, wieder durstig, wieder hungrig. Mareikes Kühlschrank gab wenig her, ein Stück Dauerwurst, das noch genießbar zu sein schien, kein Brot. Immerhin eine Flasche Cola neben diversen alkoholischen Getränken, von denen Vika die Finger ließ. Sie konnte es sich nicht erlauben, hier einzuschlafen. Ein wenig dämmern, das ja. Dann, wenn Mareike und wohl auch Honig kämen, sofort wieder hellwach sein. Aber würden sie überhaupt kommen? Das sicher. Nur: wann?

Nein, sie wollte sich nicht in Mareikes Bett legen. Also auf die Couch im Wohnzimmer. Sofort wurde ihr schwarz vor Augen, vielleicht eine Nachwirkung der unfreiwilligen Betäubung, der körperlichen Anstrengung bei der Flucht durch den Lüftungsschacht. Nicht einschlafen, Vika. Da schlief sie schon.

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