18.10.2011 -315-

Dem Tätowierer beim Verzehren seiner Mahlzeit zuzuschauen, stellte sich als unblutige Variante mittelalterlicher Foltermethoden heraus. Eine Art Augen- und Ohrentortur, eine Symphonie in aus den Mundwinkeln quellendem Fett und opulenten Schmatzgeräuschen, ein ästhetisches Fiasko in Joseph-Beuys-Tradition, mit dem knappe 2000 Jahre Esskultur verhöhnt wurden.

„Willst wirklich nichts?“ fragte Atze fürsorglich und schob mir ein Plastikschälchen mit kalten Fritten und fettigem Gyros hin. „Nein danke“, lehnte ich ab, „ich bin Moslem und huldige dem Ganzjahresramadan.“ Atze nickte dieses überraschende Glaubensbekenntnis tolerant mit einem „Na, wenn’s nicht wehtut“ ab und setzte seine Sinnesfolter fort.

Ouzo – Akropolis. Und nun? Nichts und nun. Ich beschloss, das Gespräch fließen zu lassen wie Blut, anstatt eine Blutschneise zu schlagen (Ist „Blutschneise“ nicht der Titel des neuen Krimis von Guido Rohm? Oder wie komme ich jetzt sonst auf dieses seltene Wort?). Nur: Damit das Gespräch floss, musste es zunächst einmal begonnen werden. Atze nahm mir die Arbeit des Anfangs ab.

„Bist eigentlich noch mit Babette zusammen?“ – und schlagartig fiel mir ein, woher wir uns kannten. Babette! Die etwas verklemmte Oberstudienrätin, die ich vor Stücker sieben Jahren vorübergehend entklemmt hatte. Dabei war ich notgedrungen in Babettes Freundes- und Kollegenkreis geraten, ein schauriges Milieu aus Pensionsansprüchen und theoretischer Anarchie, Bausparvertragsdisputen und Bakunin-Lektüre, akkurat gebügelten Schlipsen und kokottenhaft geschlamperten Miedern, Selbstzweifeln und Generalzweifeln – kurzum: arriviertes Bildungsbürgertum mit einer Sehnsucht nach dem von Trieben gesteuerten Leben eines von den Zwängen ausgebeuteten Subproletariats.

Am Rande dieses Kreises hatte ER gestanden: ein adretter, blasser Mann, Finanzbeamter, das Abitur auf dem zweiten, dritten oder vierten Bildungsweg, in die so souverän linksintellektuelle Babette verliebt, die aber mich liebte oder jedenfalls die Person, von der sie fälschlicherweise annahm, sie sei noch unverfälschte Unterschicht. Hans-Werner. Jetzt Atze oder Ouzo. Hätte ich gerade ein Stück Gyros im Mund gehabt, es wäre mir vor Schockiertheit oder Überraschung aus demselben geplumpst.

„Hans-Werner?“ Atze / Ouzo grinste nur. „Gelt, jetzt bist draufgekommen. Ja, bin ich. Aber seit vier Jahren nicht mehr beim Finanzamt, sondern mein eigener Herr. Befreiung von den eigenen Fesseln, nennt man das. Also was ist mit Babette?“

Ja, was war mit Babette? Keine Ahnung. Wir hatten uns ein Jahr lang geliebt, bis sie mit einigen Kolleginnen zum Abschlaffen nach Jamaika gedüst und von dort mit Roger zurückgekommen war, einem Dritte-Welt-Naturburschen und Sexdienstleister. Ich hatte das schulterzuckend akzeptiert, froh, Babette und den ihren zu entkommen. Wie es mit ihr weitergegangen war, wusste ich nicht.

„So, so“, nickte Ouzo. „Is wohl tempo passato, wie die Papiertaschentücherhersteller sagen. Die ganze bürgerliche Alternativscheiße.“ Dem konnte ich nur zustimmen. Alles irgendwie passato, „Kumpel von mir auch, wohnt zufällig hier gegenüber, der Rath Günther. Kennst den?“ Da brauchte Ouzo nicht lange zu überlegen. „Zettelgünni? Na logo. Dem sein Kopfschreibtisch is jetzt endgültig aufgeräumt, musste ja so kommen.“ Ach so? „Ja, also ich meine: Zu neugierig ist ungesund – oder etwa nicht? Wobei er ja nicht wollte, er musste halt. Immer die Lauscher irgendwo reinstecken, da konntest mit dem sein wo du wolltest, er hat alles gehört, was zu hören war, ok, macht jeder, aber diese Verknüpfungen. Nicht normal so was. Stell dir vor, du sitzt gemütlich im Akropolis und am Nebentisch sagt jemand Jersey und du erinnerst dich, dass vor zwei Jahren in der U-Bahn mal jemand von einem Bunker auf Jersey erzählt hat. Soll normal sein? Nö, oder?“

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