15.10.2011 -312-

Was stellte ich mir eigentlich unter einem Tattoostudio vor? Eine übel nach verbranntem Menschenfleisch stinkende Klitsche, in der Zuhälter ihren Pferdchen Brandzeichen verpassen ließen und Sekretärinnen beständig „aua!“ klagten, wenn ihnen der Vorname des aktuellen Lovers aufs Schulterblatt gestochen wurde. Klischees? Ja, sicher. Aber sie trafen ins Schwarze.

„Atze’s Tattoostudio“ (mit dem Deppenapostroph hatte ich so fest gerechnet wie der Finanzminister mit der Europleite) begrüßte mich mit einem Ladenlokal, dessen Möblierung aus zwei wackligen Stühlen und einer Art Beratungstresen bestand, auf dem allerdings außer Staub nichts zu sehen war. Dafür waren die Wände mit Fotografien zufriedener Kundenkörperteile zugehängt, die Haut als Hauswand, Nadelgraffiti und die Hautbesitzer blechten auch noch dafür. Aus dem mit einem schmuddeligen Vorhang abgetrennten Hinter- und Arbeitszimmer des Künstlers drang ein hingebungsvolles „autsch!“- und „huch!“-Mantra, also wirklich die Sekretärin mit entblößtem, der Stichelei preisgegebenen Oberkörper.

Ich räusperte mich, ohne erkennbare Wirkung, wartete artig zwei Minuten, probierte dann den am solidesten aus der Wäsche guckenden der beiden Stühle und überließ mich, weiterhin wartend, den Impressionen der Örtlichkeit, ihren sinnlichen Assoziationen und der Rolle, die ich gleich zu spielen haben würde.

Den arglosen Bürger wollte ich geben, Typ Beamter des gehobenen Dienstes, der durch die verruchte Tat eines auf den Oberarm gebrannten Tattoos den Zwängen des Funktionierens zu entkommen trachtete, zugleich Frauen signalisieren wollte: Seht her, ich bin ein hochinteressanter Mann, seh zwar nicht aus wie Alain Delon, aber dafür hab ich ein Tattoo. Natürlich würde ich noch unschlüssig sein. Atze alias Ouzo würde solch potentielle Kundschaft zur Genüge kennen und innerlich aufheulen. Sollte er. Ich würde ihn nach allen Regeln der Kunst ausfragen, er würde mich nicht durchschauen. Ich spielte schließlich nicht nur den Beamten, ich sah auch fast so aus.

Im Stechzimmer hatte es sich ausgeautscht. Frau Sekretärin ließ ein entzücktes „Och, is das süüüß“ hören, mit dem nachgeschobenen Einwand verbunden, IHR „Andy“ schreibe sich zwar „Andi“, aber das sei nun kein Beinbruch. Etwas, wahrscheinlich Atze, brummte zur Antwort. Dann wurde der Vorhang zur Seite gezogen, eine adrette Endzwanzigerin erschien, musterte mich (ziemlich desinteressiert; sie machte sich anscheinend nichts aus Beamten) und verließ wiegenden Schritts das Studio. Atze rumorte und fluchte im Hinterzimmer, etwas fiel zu Boden, wahrscheinlich das Tätowierwerkzeug, wurde aufgehoben, Stille trat ein, wurde von leicht zu identifizierenden Schluckgeräuschen abgelöst. Aha. Die namensgebende Flasche Ouzo entleerte ihren inhaltlichen Rest in den Magen des Künstlers.

Ich räusperte mich abermals, diesmal mit mehr Erfolg. Wieder wurde der Vorhang zur Seite geschoben und der Geschäftsinhaber betrat den Raum. Ein bulliger, unrasierter Mensch, das wenige verbliebene Haupthaar zunftgerecht zum Zopf geknotet, das T-Shirt schmierig, die aus diesem ragenden Oberarme bunte Eigenwerbung und in diversen Muckibuden zum Umfang handelsüblicher Kindsköpfe aufgepustet.

Die Anwesenheit eines weiteren Kunden schien ihn zu überraschen. Er musterte mich eindringlich, ich versuchte meine Gesichtsmimik zu beherrschen, wobei mir schrecklich klar wurde, dass ich gar nicht wusste, wie ein Beamter des gehobenen Dienstes schaute, wenn er sich entschlossen hatte, mal ganz gegen die Dienstvorschriften zu verstoßen. Der Typ kam mir bekannt vor, vielleicht aus dem Fernsehen? Irgendeine Reality-Soap? Oder hielt der Bursche den Weltrekord im Dauerbrennen und wurde durch jede Talkshow gejagt? Hm. Doch. Irgendwie bekannt.

Atze sah mich an. Wischte sich die Hände am T-Shirt ab, was dieses, Beschmutzung gewöhnt, klaglos akzeptierte. Und sagte mit tiefer, bereits etwas feuchter Stimme: „Hallo Moritz. Lange nicht mehr gesehen. Sag bloß, du willst ein Arschgeweih!“

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