14.10.2011 -311-

Das halbe Leben lang wartet man auf irgendetwas, aber nicht immer hat man Durst dabei, schrecklichen Durst. Man wartet auf den Briefträger, den Mann fürs Leben, die Currywurst, zwischendurch geht man die Wäsche über machen oder aufs Klo. Wenn man kann. Wenn man pinkeln muss, schielt man schon mal nach einer intimen Ecke. Wenn es etwas zu schielen gibt, wenn es eine intime Ecke gibt. Hier gab es keine. Ein leerer Raum, weiß, steril, das Wartezimmer beim Zahnarzt sah freundlicher aus. Vika hätte nie gedacht, dass sie sich einmal einen Termin beim Zahnarzt wünschen würde.

La Lydia greinte. Warf Wörter gegen die Wand, die zur Klagemauer wurde. La Lydia nervte. „Hast du wenigstens schönen letzten Sex gehabt?“ fragte Vika. „DU! Denkst eigentlich immer nur an SEX!“ zischte Gebhardt, „wir werden bald stääääärbääääään und DUU…“ Sie solle sich abregen, regte Vika an. „Ist doch ganz tröstlich, Schätzchen, wenn man sich sagen kann: Ok, das Leben an sich war scheiße, aber ich bin mit einem Orgasmus auf den Lippen gestorben. Na ja, so ähnlich.“

Lydia überlegte angestrengt. „Hm. Das letzte Mal? Durchschnitt. Nichts was nicht schon mal besser gewesen wäre. Bei dir?“ Vika brauchte nicht angestrengt zu überlegen. Mareike. Sehr gelenkig. „Oberklasse“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Wenn wir hier rauskommen, gibst mir die Adresse von dem Typen“, sagte Gebhardt. „War kein Typ“, desillusionierte Vika. „Ach, so eine bist?“ Ja, so eine.

Warten. Durst. Wenigstens schwieg La Lydia, während sie dehydrierte. Die Folgen waren erkennbar, sie alterte im Zeitraffer, anscheinend trockneten auch die Botoxquellen aus. Der Harndrang ließ sich gerade noch so beherrschen, lag wohl daran, dass keine zusätzliche Flüssigkeit dem Körper zugeführt wurde. Na prima. Jede Katastrophe hat ihr Gutes, man muss es nur erkennen.

„Ich würde in meinem Leben alles anders machen“, bekannte Gebhardt unvermittelt. „Ach ja?“ „JA!“ Sie schrie es fast. „Ich bräuchte nur eine zweite Chance!“ „Die brauchen wir alle“, antwortete Vika. „Ich brauche einfach mehr Luft zum Atmen!“ sagte Lydia. Luft zum Atmen, genau. Woher kam die hier eigentlich? Kein Fenster. So etwas wie ein Lüftungsschacht? Sich zwanglos umschauen. Da oben, in zwei Metern Höhe eine Klappe. Vierzig auf Vierzig? Ungefähr. Könnte funktionieren, Vika hatte zudem durch den Mangel an Nahrung und Wasser in den letzten Stunden noch etwas abgenommen. Auch dazu war das also gut gewesen. „Stell dich mal dort hin und mach ne Räuberleiter“, forderte sie Gebhardt auf. Die natürlich überhaupt nichts verstand und alles genauestens erklärt haben wollte. Meinetwegen. „Räuberleiter kennst aber? Ich guck ob ich da oben hin komme und dann… keine Ahnung. Kriech ich durch.“

Die Gebhardt lachte erschütternd. „Ja, ja, und dann bist weg und frei und haust ab und ich bin allein und kann sehen, wo ich bleib. Nein, wir verrecken hier zusammen, das geb ich dir schriftlich!“

Vika antwortete nicht. Sie stand auf, stellte sich unter die Klappe, auf die Fußspitzen, reckte die Arme hoch. Doch nicht ganz zwei Meter. Sie bekam eine der Lamellen zu fassen, hakte zwei Finger ein. Zog. Rührte sich nichts. Weitermachen. Lydia Gebhardt war inzwischen ebenfalls aufgestanden, sah zu. Ein Geräusch, die Klappe lockerte sich. „Ok“, greinte Lydia, „Räuberleiter. Ich vertrau dir.“ „Vergiss es, Schätzchen, ich schaffs auch ohne dich.“ Die Abgewiesene stürzte sich auf Vika, stieß sie weg. Vika grinste nur. Wenn es denn sein musste… Sie schlug nicht gerne Frauen, aber hier machte sie eine großzügige Ausnahme. Einfach eine links, eine rechts, das fegte Lydia Gebhardt von den Beinen, warf sie auf den Boden, wo sie wieder zu heulen, zu jammern anfing. Gar nicht beachten. Unter die Klappe, Fußspitzen, recken, einhacken, ziehen. Würde sie schaffen. War alles eine Frage der Zeit.

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