10.10.2011 -307-

Es war eine jener Informationen, die jeder normale Vierzehnjährige ohne zu Zögern als „hammer!“ bezeichnet hätte. Herr Ouzo war identifiziert, ein versoffener Nadelstecher, auch im Wortsinne der schräge Nachbar des verblichenen Günther Rath. „Keine Ahnung, ob die sich gekannt haben. Ist das irgendwie wichtig jetzt?“ Wieder schaute sie zu Oxana, die aber seufzte und sagte „Vielleicht“. Claudia winkte nur ab. „Ich wills gar nicht wissen. Immer wenn ich was erfahre, endet es für mich scheiße. Is doch so. Schon in der Schule, deshalb hab ich die auch nicht fertig gemacht.“

Unsere Claudia war eine Philosophin, eine kluge Frau voller Lebenserfahrung. „Das heißt jetzt nicht, dass ich unter nem Stein lebe oder so. Aber glaub mir“ – sie redete in der Einzahl, zu Oxana gewandt, ich hatte mich wohl aus ihrem Dasein stillschweigend verabschiedet, ohne dass es mir aufgefallen wäre – „sogar das Bedienen in der Klitschen schützt dich nicht davor, dass du SACHEN erfährst! Wenn ich mal auspacken würde, könnten einige einpacken.“
Wir wollten nicht einpacken und verzichteten daher auf das Claudia-Auspacken. Sonst noch etwas über Günther Rath? „Ein Spinner halt“, stellte Claudia herzlos fest. „Ein liebenswerter Spinner“ – schon wieder eine Träne? – „aber hey, was halte ich denn von einem Mann, der die Gespräche anderer Leute belauscht? Der SOLCHE Ohren kriegt, wenn zwei am Nebentisch sich streiten? Vor allem, wenn ich dann auch einen Teil von der Scheiße abkrieg, also wie damals, als ihm der Typ eins in die Fresse… oder fast, na ja, hat nicht viel gefehlt. Zwei Tassen zu Bruch und ein Stuhl.“

„Hammer!“ kommentierte Oxana. Claudia patschte sich eine theatralische Hand auf den noch theatralischeren Mund. „Meinst du etwa… glaubst du etwa… DESWEGEN hat einer den armen Günther?“ Um sich sofort selbst zu beruhigen: „Nee, das war nur der übliche Testosteronüberschuss von den Kerlen.“ (Mein Gott, müssen Frauen immer so monothematisch sein?) „Der Günther… also wie schon gesagt, der Günther hat halt gerne zugehört. Und wenn ihn was interessierte, dann sind dem seine Ohren immer größer geworden und sein Hals immer länger, also war schon peinlich. Tja, und eines Tages ist er dann an die falschen gekommen. Zwei Typen am Nebentisch, auf der Durchreise, würd ich mal sagen, mit Reisetaschen und einer guckt immer auf die Uhr, wegen Anschlusszug wohl. Der hat auch gemerkt, dass der Günther seine Ohren nicht bei sich lassen konnte und sein Oberkörper so richtig rübergewachsen ist zu den beiden. Erst mal verbal. Was das denn soll. Aber hat der Günther zu spät reagiert. Ist der andere aufgesprungen, zum Günther hin, hat ihn am Schlawittchen gepackt und vom Stuhl hochgerissen. Dabei ist schon mal die Tasse vom Günther draufgegangen und der Stuhl umgefallen, war aber noch ok. Bis der Typ den Günther losgelassen hat und der Günther fällt und natürlich voll auf den Stuhl und was es dem Günther gemacht hat, kann ich nicht sagen, aber der Stuhl jedenfalls war hin. Die Typen lachen und legen einen Zehner aufn Tisch und sind weg und bevor sie weg sind, sagt noch der eine, der immer auf die Uhr geguckt hat: Nächstes Mal würden sie dem Günther die Ohren abschneiden, dann könnt er durch die Nasenlöcher hören.“

Klang tatsächlich nach zuviel Testosteron. „Männergeschichten, stimmt“, sagte Oxana, aber auch: „Könnte natürlich sein, dass Günther etwas gehört hat, das er nicht hätte hören dürfen.“ Claudia zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Der ist aufgestanden – dabei ist ne zweite Tasse zu Bruch gegangen – hat bezahlt und dann ab durch die Mitte. Ist ihm wohl nicht zum erstenmal passiert.“

Mehr war aus Claudia nicht herauszukriegen. Sie hatte sich gefangen, hakte den Günther mit einem „Das war’s dann wohl“ ab. Immerhin: Ouzo. Eine Spur? Wir traten ins Freie, sahen Claudia beim Wegstöckeln nach. „Der alte Säufer und Kupferstecher also“, resümierte Oxana. „Wäre ein Fall für Vika. Mach mir grad Sorgen um die.“

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