06.10.2011 -303-

Die Nachrichtenlage war unverändert. Vor dem Kanzleramt stapelte sich die Weltpresse, ein Gewirr von Kameras, Mikrophonen und den dazugehörigen Figuren, aufgeregtes Gemurmel, Regieanweisungen, studentische Hilfskräfte, fahle Mädchen mit Puderquasten, die hektisch die schweißnassen Gesichter der Reporter abtupften, „in zehn Sekunden auf Sendung!“, aber es gab nichts Neues.

Kriesling-Schönefärb stand am Fenster seines kleinen Büros und schaute mit aufgerissenen Augen in das Chaos. Wie lange tat er das schon? Eine Stunde, einen Tag? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, seit ihn der Finanzminister wie einen unbotmäßigen, störrischen Schüler vor die Tür geschickt hatte, um seine verdiente Strafe zu empfangen. Die anderen im Kabinett waren ihm mit pikierten Blicken gefolgt. Böser Junge.

Draußen empfingen ihn zwei Herren, graumeliert, die Traummänner für Frauen mit Vaterkomplexen. Das abhörsichere Zimmer, in dem die Kanzlerin sonst mit italienischen und französischen Testosteronhengsten telefonierte. „Setzen.“ Also doch. Der ungezogene Junge, dem man gleich die Ohren lang ziehen wird. Kriesling-Schönefärb setzte sich. Er hatte sich nie wehren können, wenn man ihm autoritär kam. Aber er musste jetzt etwas sagen. Er öffnete den Mund, der eine der beiden Graumelierten wischte den Versuch mit einer beiläufigen Handbewegung weg. „Keinen Wortdurchfall jetzt. Sie wissen, wir wissen, klare Sache. Entscheiden Sie sich. Sie haben einen Loyalitätskonflikt. Richtig?“ Kriesling-Schönefärb nickte. Konnte man so ausdrücken. Völlig korrekt. „Okay“, bestätigte der andere, „Sie haben die Wahl. Entweder Sie verlassen diesen Raum als weiterhin loyaler Mitarbeiter der Bundesregierung oder in unserer Begleitung. Ich stelle Ihnen drei Fragen, nur Ja oder Nein sind als Antworten möglich, alles andere Kindergeburtstagskram. Also. Erstens: Lieben Sie Ihr Leben? Zweitens: Lieben Sie Deutschland? Drittens: Stehen Sie auf Waterboarding? Los, Antworten, zackzack.“ Demonstrativer Blick auf die Armbanduhr. Der zweite Mann gähnte, nicht weniger demonstrativ.

Er hat längst zu schwitzen begonnen. Nicht gut. Das riecht man doch. Die Angst. Die Panik. Aber was überlegt er jetzt groß rum, ob er schwitzt! Antworten! „JA JA JA!“ Oh mein Gott, NEIN! Sofort verbessert er sich: „Ich meine – also das letzte NEIN! Das mit dem Wasser, ich kann nicht schwimmen, also ich kanns, aber nur Seepferdchen und ist schon zu lange her, verstehen Sie?“

Die beiden Herren sahen sich an, nickten sich zu, sahen dann Kriesling-Schönfärb an und der eine, der Wortführer, sagte: „Schön. Problem gelöst. Nun gehen Sie an Ihre Arbeit zurück, wir melden uns dann noch.“

Jetzt stand er am Fenster, sah hinab auf die Massen aufgeregter Journalisten und wartete darauf, dass sich die Herren wieder meldeten. An allem war er schuld. Eine seltsame Leichtigkeit hatte sich seiner bemächtigt, als er in den Kabinettsraum zurückgekehrt, an seinen Platz gegangen war. Die Bundeskanzlerin lächelte ihm zu, der Finanzminister lächelte ihm zu, sogar die Bundesfamilienministerin lächelte ihm zu. Das war wie eine Behandlung mit Lachgas. Man fühlte sich so beschwingt, man platzte nur so vor Ideen. Er hörte sich sagen: „Die Frau Bundeskanzlerin müsste verlautbaren lassen, sie übernachte ab sofort in einem Feldbett im Kanzleramt, damit sie immer sofort erreichbar ist und zeitnah reagieren kann. Zeitnah reagieren = für die Bürger regieren.“

Sie sahen ihn an wie ein Wesen von einem anderen Stern. Der Finanzminister hatte ein Wort auf den Lippen, vom den Kriesling-Schönefärb hoffte, es niemals hören zu müssen. Alle anderen schwiegen. Bis die Bundeskanzlerin sagte: „Ja. Gute Idee. Machen wir. Informieren Sie die Presse.“

Sie war da. Gleich würde man sie einlassen, um die Bundeskanzlerin in ihrem Feldbett zu fotografieren. Keine Interviews bitte. Und das Telefon klingelte.

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