04.10.2011 -301-

Dann träumte sie wieder. Der Tunnel, an dessen Ende kein Licht war, dessen Wände nur das Geräusch der Geschwindigkeit widerhallten, woran man merkte, dass es überhaupt Wände gab, ein Tunnel war. Vika musste unter Drogen stehen, das registrierte sie merkwürdigerweise, wie den Januskopf des Mannes, der Frau, aus dem es kurz und hämisch gelacht hatte, als sie wieder zurückfiel in die Ohnmacht. „Schlaf noch ein wenig, Süße, bald bist du wieder fit.“ Auch das hallte in ihr nach, ein Satz wie ein Tunnel.

Als sie wieder erwachte, war Vika blind. Wie im Traum. Etwas war über ihre Haut gekrabbelt, allgegenwärtige Insekten mit pelzig lauwarmen Füßen. Hatte sie nicht abschütteln können, die Arme und Hände und Beine bewegungslos, mussten in einer Zwangsjacke stecken. Auch jetzt fuhr etwas über ihre nackte Haut. Augen öffnen. Komm, zwing dich, schaffst das schon.

Das Sehenkönnen kam wie ein Schock. Aus der perfekten Finsternis in den perfekten Realismus gestochen scharfer Bilder. Vika lag auf einem Bett, über sie gebeugt Mareike, lächelte sie süßlich an, sagte: „Guten Morgen, ausgeschlafen, was?“ Im Hintergrund ein Kichern, ein Meckern, von einer Frau, von einem Mann, Vika konnte sich immer noch nicht festlegen.

„Hör auf zu lachen, Honey“, sagte Mareike, „das hier ist unser Schätzchen, komm und fühl mal, was für eine zarte Haut sie hat.“ Nein, dachte Vika und wollte die Arme nach vorne, nach oben ziehen. Ging nicht. Sie waren auf den Rücken gebunden, jede Bewegung brannte sich in die Handgelenke. „Sie wehrt sich“, sagte Honey aus dem Off. Honey? Honig? Das war doch…

Mareike richtete sich auf. „Nicht wehren, my Darling, das hat keinen Zweck. Wir werden dir auch nichts tun. Vielleicht nicht. Du bist uns gerade nur im Weg. Falsche Zeit, falscher Ort. Capito?“ Ja, klar doch.

Honig kam ins Bild, immer noch mit verschmiertem Makeup, aber jetzt doch mehr Mann als Frau. „Wir schaffen sie rüber zu der anderen“, schlug er vor. Mareike überlegte. „Meinetwegen. Leidensgenossinnen. Da können sie quatschen und schreien, hört sie sowieso keiner.“

Man trug sie wie einen Sack Kartoffeln aus dem Zimmer, über einen Flur, der an Krankenhaus oder Psychiatrie erinnerte. Eine Tür wurde aufgestoßen, Honig keuchend ob der Last, Mareike, sportlich gestählt, schaute abfällig zu ihrem Komplizen. Neue Verwicklungen, neue Fragen, dachte Vika. War das also wirklich dieser Honig? Was machte der hier? Keine Antworten zunächst.

„Du kriegst Gesellschaft, Alte“, sagte Honig. Anderer Raum, aber ganz so wie der, aus dem man Vika getragen hatte. Abgelegt, einigermaßen vorsichtig. Neben ihr wimmerte es leise, sie drehte sich hin, eine Frau. Schon etwas älter, mit der Kunstfertigkeit ärztlicher Verzweifelung auf jugendlich modelliert.

„Bis später“, sagte Mareike. „Unterhaltet euch schön, von Frau zu Frau, Schminktipps und Empfängnisverhütung, das ganze Programm halt. Keine Sauereien bitte.“ Honig griente dreckig. „Ihr könnt auch aufeinanderrollen, dann geht vielleicht was. Aber fummeln is nich, sorry.“

Abgang der beiden, allein mit der Frau, die weiter wimmerte, was Vika schon nach zwanzig Sekunden auf die Nerven ging. „Könnten Sie sich mal zusammenreißen? Ginge das? Wer sind Sie überhaupt?“ Die Frau riss sich zusammen, versuchte es immerhin. „Ich bin Lydia Gebhardt“, antwortete sie, „und du?“ Vika nannte ihren Namen. Lydia Gebhardt also. Wieder fügte sich etwas zusammen, ohne ein Bild zu ergeben. Hatten Lydia Gebhardt und Honig nicht gemeinsam… Ach was. Vika seufzte. „Erzähl mal, was passiert ist“, forderte sie Lydia Gebhardt auf.

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