26.09.2011 -293-

Es sind die Frauen, die Männer vor großen Dummheiten bewahren. Um sie gleich darauf in noch größere zu verwickeln. Das ist historisch vielfach bewiesen, mir fiel gerade kein Beispiel ein, denn ich war äußerst verwirrt. Ich steckte in einem Fensterloch, hinter mir lag ein Toter in einem Klokabine, eine große Dummheit sollte also ihren Anfang nehmen und nun kommt eine Frau ins Spiel. Sie sagte: „Holla, was geht denn hier ab?“ Ich rutschte zurück in die sanitären Räumlichkeiten der Kaffeebar, drehte mich lächelnd um und sagte: „Liebe Claudimausi, da drin liegt ein Toter.“ Sie fiel nicht in Ohnmacht, schrie auch nicht, sondern sagte nur: „Kein Grund, die Zeche zu prellen.“

Die ebenso aufmerksame wie misstrauische Claudimausi hatte mich vor einer Dummheit bewahrt, soviel stand fest. Denn warum hätte ich mich aus dem Staub machen sollen? Man würde feststellen, dass Günther Rath vermittels einer Attacke mit der vergifteten Spitze eines Regenschirmes ermordet worden war, Claudimausi konnte bezeugen, dass nicht ich, sondern der Ouzotrinker einen solchen mit sich geführt hatte, im WC und dann ganz verschwunden war, während ich… hm, na ja. Ich hatte eben aus dem Fenster schauen wollen, nichts weiter, vielleicht dem Täter nachjagen, schließlich bin ich ein geborener Held. Außerdem: Der Polizei würde ich die ganze Geschichte erzählen können, man musste mich ernstnehmen, der Sache nachgehen. Haken: Wenn alles von ganz oben inszeniert wurde, dann steckte möglicherweise auch die Polizei bis zur Halskrause mit drin. Solche Bedenken spielten nun aber kein Rolle mehr. Claudimausi hatte mich sozusagen ertappt, ging jetzt auch zögernd auf die nur einen Spalt geöffnete Toilettentür zu, streckte den Kopf hinein und zog ihn sofort wieder hinaus, fiel immer noch nicht in Ohnmacht, begann immer noch nicht zu schreien, sagte nur: „Das hat mir gerade noch gefehlt.“

So kam es, dass ich eine halbe Nacht auf einem harten Stuhl auf dem schäbigen Flur eines Kriminalkommissariates verbrachte, Claudimausi – sie hatte selbstverständlich die Polizei gerufen – stoisch neben mir. Wir waren „Zeugen“, doch zumindest ich auch ein potentieller Tatverdächtiger, da machte ich mir gar nichts vor. Und man ließ mich schmoren. Für die Angestellte der Kaffeebar endete die Warterei nach zwei Stunden. Sie wurde in ein Zimmer gebeten, verbrachte doch eine weitere halbe Stunde, kam dann heraus, warf mir einen Blick zu, den zu deuten ich tunlichst unterließ, und trippelte von dannen. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie ihre Arbeitsschläppchen gegen hochhackige schwarzglänzende Schuhe ausgetauscht hatte. Sie machte sich die Füße auch gerne in ihrer Freizeit kaputt, wenngleich mit erotischeren Mitteln.

Wenigstens hatte ich genügend Zeit, mir meine Aussage zurechtzulegen. Die flüchtige Bekanntschaft mit dem auf so tragisch-mysteriöse Weise Verblichenen, die zufällige Begegnung an der Brottheke, die meinerseits aus lauter Langeweile angenommene Einladung in die benachbarte Kaffeebar, das dortige Dauerzugetextetwerden, eine Vorliebe Raths, wie  Claudimausi hoffentlich bei ihrer Befragung zu erwähnen nicht vergessen hatte. Was sollte mir also passieren? Hatte ich etwa einen Regenschirm mit mir geführt? Nein. Aber der Ouzotrinker. Aber egal. Kein Wort mehr. Ich wollte abwarten, mir ein Bild machen. Sie möchten die Wahrheit hören, Herr Kommissar? Bitte, sicher, aber nur häppchenweise, das kennen Sie doch aus der Politik. Dumm wäre es nur, wenn mein Gesicht eine Erinnerung bei den Polizisten heraufbeschwören würde, die Erinnerung an die Personenbeschreibung anlässlich eines kürzlich in dieser Stadt begangenen Mordes auf offener Straße… Aber ich besitze ein Allerweltsgesicht.

Nach insgesamt dreieinhalb Stunden war es soweit. Die Tür öffnete sich, ein übernächtigter und daher schlechtgelaunter Kopf wurde auf den Flur gestreckt, er sah mich und sagte: „Reinkommen.“ Kein ganzer Satz, geschweige ein höflicher. Zu spät fiel mir ein, dass man in der „Bauernschenke“ den ganzen Abend auf mich gewartet hatte. Völlig vergessen.

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