24.09.2011 -291-

Wir waren längst auf Espresso umgestiegen. „Claudimausi“ servierte gerade den vierten, und auch fast so lange schon waren wir die einzigen Gäste in der Kaffeebar. Nach der schlüpfrigen Geschichte mit den rosa Plüschhandschellen im Etablissement „Centre d’Amour“ tischte mir Günther Rath eine weitere auf. Sie habe sich gestern abgespielt, hier nebenan, ein Typ, der Zimtschnecken gekauft und dabei telefoniert habe.

„Jüngerer Bursche in feinem Zwirn. Drei Zimtschnecken, da hat sich sein Handy gemeldet, dieser Klingelton – war das nicht die Erkennungsmelodie von STAR WARS?“ Er überlegte, ich überlegte ebenso. Star Wars? Hatte ich vor kurzem gehört, als sich das Handy von Kriesling-Schönefärb… Ich beschrieb ihm den Mann und Rath nickte eifrig. „Ah! Sie kennen ihn! Sehr gut! Jedenfalls: Er hat fast nur zugehört und dann jenen Satz gesagt, der von den Plüschhandschellen quasi angestoßen wurde, also wenn wir uns das Ganze mal als Poolbillard etc… Er lautete: ‚Ich lass mir von Ihnen doch keine Handschellen anlegen, Herr Staatssekretär, wo sind wir hier eigentlich?'“

„Hm“, machte ich, „das ist ein gestresster und vielbeschäftigter Mensch, das kann sich auch auf etwas anderes beziehen.“ Rath lächelte und schüttelte den Kopf. Wohl kaum. Es sei nämlich noch etwas vorgefallen. Kaum nämlich habe der Kunde das Telefonat beendet, sichtlich verärgert und verwirrt, wollte er auch schon mitsamt der Zimtschneckentüte seines Weges ziehen. Ohne zu bezahlen. Wogegen er, Rath, aus naheliegenden Gründen etwas gehabt habe.

„Eine gewisse Gedankenverlorenheit, das hat mir meine Menschenkenntnis sogleich geflüstert, kein Versuch, die Zeche zu prellen. Der Herr hat auch einen noch roteren Kopf gekriegt, als ich ihn auf sein Versäumnis hinwies, und eine Entschuldigung aufgesagt. Dann in seinem Geldbeutel nach Münzen gesucht, weil er nicht mit einem der Hunderteuroscheine bezahlen wollte, die aus dem Scheinfach spitzten. ‚Bei mir werden Sie auch Ihr Kleingeld los‘, formuliere ich jovial – und jetzt passen Sie auf, jetzt kommts nämlich, Herr Klein. Der Kunde schaut ganz verblüfft und beginnt schallend zu lachen. ‚Geld los! – Geldlos!‘ Er verschluckt sich fast dabei. Ruft noch einige Male ‚geldlos‘, als sei das ein guter Witz – und für ihn musste es fürwahr einer sein -, ‚Das war gut, mein Bester, GELDLOS hahaha!‘ – gibt einen Euro Trinkgeld, was so gut wie nie vorkommt und eilt der Unterführung entgegen, um seinen Bahnsteig und den Zug zu erreichen, ich nehme an den nach Berlin, denn dessen Einfahrt wurde just angekündigt. Was sagen Sie nun?“

Erst einmal gar nichts. Das bestätigte nur meine Befürchtung, hier sei ein abgekartetes Spiel im Gange, eine Verschwörung von Staatswegen. Mir war nach dem fünften Espresso, ich hielt mein Tässchen hoch und zwei Finger, denn auch Rath sah so aus, als könne nur noch Koffein die Bewegungen in seinem Gehirn steuern. Überhaupt war er auf einmal sehr blass geworden, der Schweiß, der sich in den vergangenen Minuten zurückgehalten hatte, brach wieder aus. Denn während ich die Getränke bestellt hatte, war ein neuer Gast erschienen, unauffällig, durchschnittlich, gesichtslos, mit einem „Bastel mir nen Ouzo, Schatzi“ in Richtung „Claudimausi“.

„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte ich besorgt mein Gegenüber. Vielleicht waren die Biere und die draufgekippten Espressos oder Espressi doch zuviel für ihn gewesen. Er war jedenfalls so weiß wie die Wände meiner Wohnung, wenn ich mich endlich dazu aufraffen könnte, sie frisch zu streichen. „Ouzo“, murmelte er unter Mühen, „das stößt gerade wieder etwas an, etwas, das bei Ihnen und Ihrem Gespräch mit dem Journalistenimitat heute Mittag endet. Ouzo, ach mein Gott!“ Er erhob sich. „Ich entleere mich mal, vielleicht beruhigt mich das. Pardon.“ Und wankte den Sanitäranlagen zu. „Claudimausi“ stellte einen Ouzo vor den neuen Gast und die Espressotässchen auf unseren Tisch, beugte sich zu mir, sagte spöttisch: „Glauben Sie dem Günni kein Wort, der ist verrückt.“ Ich nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf, eine anatomische Meisterleistung.

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