23.09.2011 -290-

„Jetzt wird es kompliziert“, kündigte Rath an. Er schien sich ein wenig beruhigt zu haben. Das schnatternde Pärchen am Nebentisch war verschwunden, „Claudimausi“ dämmerte hinter der Skyline der Espresso- und anderer Kaffeemaschinen, auf Kundschaft wartend. Sonst nur das Passantengemurmel, zu bloßem Geräusch zerriebene Wörter, für die das Rathsche Gehirn keine Zettel an- und abzulegen brauchte. Hoffte ich jedenfalls.

„Spielen Sie Poolbillard?“ Ich verneinte. Ich spielte nicht einmal Taschenbillard. „Aber Sie wissen schon, was da passiert. Man stößt eine Kugel vermittels den Queues in eine Menge anderer Kugeln, welche dann auseinander stieben, gegen die Banden prallen und untereinander karambolieren, bis endlich eine der Kugeln oder mehrere in eines oder mehrere der Löcher…“ „Ja klar“, winkte ich ab, „reine Physik“. Rath atmete durch. „Reine Physik“, wiederholte er gequält lächelnd. „Aber sei es drum. Ihr Gespräch hat wie der Stoß einer Kugel in einen Schwarm anderer gewirkt, aber nein, es war ein Wort, das sie mehrmals aussprachen, das Wort ‚Plüschosterhasen‘. Ich muss jetzt sehr persönlich werden, was mir nicht leichtfällt, aber…“ Er schielte zur noch immer vor sich hin dösenden „Claudimausi“, beugte sich dann zu mir, ich roch den Schweiß auf seiner Haut – „wir sind beides Männer, wir haben  – gewisse Bedürfnisse, Sie werden mich nicht verurteilen. Kennen Sie das ‚Centre d’Amour‘?“

Ein Puff im Industriegebiet Ost, kannte jeder. Natürlich war niemals ein Mann dort eingekehrt, ich am allerwenigsten. „Vom Vorbeifahren“, log ich ergo. Rath nickte verständnisvoll und wissend. „Genau, ich auch. Aber ich war auch einmal drin. EINMAL – egal. Jedenfalls – das Etablissement ist aufgezogen wie eine Arztpraxis. Man gelangt zunächst an eine Art Rezeption, zahlt die Praxisgebühr von 100 Euro und teilt mit, welcher Art die Gebrechen sind, die einen hierher getrieben haben. Mangel an weiblicher Fingerfertigkeit, nun, darunter leiden viele, wenn nicht alle. Das ist so etwas wie der sexuelle Schnupfen, wenn Sie verstehen. Eine Überproduktion masochistischer Phantasien, die keinen natürlichen Ausgleich finden, nun, deshalb hatte ich Rat und Behandlung gesucht. Eine allerdings leichte Form dieser Krankheit, möchte ich betonen, keineswegs chronisch, mit etwas Fesselung und ein paar Streichen mit nicht allzu schmerzenden Gegenständen sehr schön therapierbar. Bondage, lautete dementsprechend die Diagnose der Rezeptionistin, einer bereits ergrauten, wenngleich aufwändig gefärbten Dame mit beträchtlicher Berufserfahrung, was man ihr auch ansah.“

Ein Mann hatte die Kaffeebar betreten, „Claudimausi“ aus ihrer Erstarrung geschreckt. Auf einen Zettel in Raths Gedächtnis wurde „Mach ma ne Latte, Claudimausi“ gekritzelt, was irgendwie zum Thema passte. Rath seufzte vernehmlich. „Danach ging es in ein Wartezimmer. Das ‚Centre d’Amour‘ wird gerne frequentiert, man muss sich auf gewisse Wartezeiten einrichten. Es liegen Zeitschriften herum, der Playboy immer frisch, neuerdings – habe ich gehört – kann man sogar gewisse Filme anschauen, um sich die Zeit zu verkürzen. Manchmal löst sich damit das Problem quasi von alleine. – Ich sitze also dort und bin nicht der einzige, der wartet. Ein Mann, schon etwas älter, wartet auch. Und wie es halt in Arztpraxen so ist, man kommt ins Gespräch und tauscht sich aus, und als der Mann ‚Bondage‘ hört, sagt er plötzlich: ‚Plüschhandschellen. Versuchen Sie es einmal mit rosa Plüschhandschellen, das hat bei mir geholfen, aber bestehen Sie darauf, von Vanessa behandelt zu werden, nicht von Cherry, die kann das nicht.‘ – Ich versprach es und bedankte mich für den Tipp.“

Wir bestellten zwei Espresso, die Rath allerdings „Espressi“ nannte. Dann fuhr er fort: „Nun, für Ihre Sache ist die weitere Geschichte irrelevant. Es ist halt nur die Zufallskugel, die von Ihren ‚Plüschosterhasen‘ als erste angestoßen wurde. Sie setzt sich in Bewegung und rollt gegen eine andere. Entschuldigung für die Umständlichkeit, aber ich sagte es anfangs: Die Sache ist kompliziert.“

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