22.09.2011 -289-

„Hören Sie das?“ Günther Rath sah mich erwartungsvoll an, schüttelte dann aber sofort resigniert den Kopf. „Nein, Blödsinn, wie sollten Sie das hören. Das in mir. Dieses Rumoren. Dieses Knistern. Ich stelle mir vor, da liegen ganz viele Zettel in meinem Gedächtnis und die bewegen sich, die krabbeln durcheinander wie Spinnen oder Schaben oder Heuschrecken – ja, Heuschrecken, glaub ich – und das ist so eine Art Summen – nein, Summen wäre zu schwach… ach, ich weiß nicht.“

Nein, hören konnte ich nicht, was in Raths Kopf geschah, sehen aber schon. Denn der Mann hatte fürchterlich zu schwitzen begonnen, trocknete sich mit einem großen karierten Stofftaschentuch die Stirn, so notdürftig und von vorübergehendem Erfolg, als stopften die in Berlin gerade wieder das große Euroloch, indem sie Geld hineinwarfen und zuschauten, wie es in den geöffneten Rachen des Spekulantentums plumpste. „Entschuldigen Sie bitte meinen Zustand, aber gerade muss ich mich anstrengen, die Zusammenhänge zu visualisieren. Sie wissen schon: Ihr Gespräch heute Mittag mit diesem Dummschreiber. Dieses Zettelchen. Es kriecht auf seinen Beinchen – ich stelle es mir gerade als Tausendfüßler vor – über und durch all die anderen Myriaden von Zetteln und schnüffelt an ihnen herum nach Verwandtschaft, nach irgendeiner Assoziation. Da! Hat etwas gefunden! Einen kleinen Dialog, zwei Männer an meiner Theke, sie kaufen sich Reiseproviant, muss so sein, denn der eine sagt: ‚Krümel auf der Fahrt nicht wieder den Sitz so voll, Bernie!‘ und dann sagt der andere: ‚Lieber den Sitz vollkrümeln als vollpissen wie dieser Moritz Klein es beinahe getan hätte.‘ Und dann lachen beide dieses dreckige Lachen, verstehen Sie?“

Ich verstand. Die beiden Killer, nach getaner Arbeit auf der Heimfahrt. Davon hatte ich Perschau nicht mal etwas erzählt, Rath machte also keine Show, spielte nicht den Hellseher. Er war echt und die Turbulenzen in seinem Kopf waren es ebenfalls. Der Mann tat mir leid, wenngleich ich mich nicht in ihn hineinversetzen konnte. Mein Gedächtnis ist nur das gewöhnliche Sieb, die Zettel darin leichtverderbliche Ware.

Anders bei Günther Rath. Und tatsächlich, jetzt glaubte ich den Aufruhr in seinem Kopf zu hören, das Wispern der Zettel, das Übereinandergleiten der Papiere. „Geldlos“, sagte er dann, einigermaßen ohne Atem und noch immer schwer schwitzend. „Eine Buchhandlung, aber fragen Sie mich nicht, welche. Ich bummelte in meiner Mittagspause natürlich durch die Innenstadt, durch die Geschäfte, Sie glauben gar nicht, wie man dann mit Sätzen und Wörtern abgeduscht wird! Buchhandlungen! Furchtbar! Dummes Geblöke! ‚Ich möchte gerne das Buch mit dem grauen Ding auf dem roten Umschlag, der könnte auch weiß sein.‘ … Eine Frau, aber ich sehe ihr Gesicht nicht. Ich sehe nur, wie sich dieses Gesicht einem Mann zugedreht hat, der ein Buch in der Hand hält und der Titel des Buches ist ‚Geldlos glücklich. Wie wir die Geldwirtschaft überwinden und in eine neue Zukunft durchstarten‘. So ein neumodischer Schnickschnack, denke ich noch. Aber dann sagt die Frau etwas. ‚Meinst du wirklich, Georg, dass hier was Wichtiges drinsteht?‘ Und der Georg Genannte schnalzt mit der Zunge – Mein Gott, ich höre es! – und antwortet: ‚Klar, Schwesterherz, ich bin mir sicher. Zahlst du bitte? Ich hab meinen Geldbeutel im Auto vergessen.'“

Warum dachte ich in diesem Moment an Georg Webers Auto? Daran, dass ich mich nie gefragt hatte, ob er eins besitze? Und falls ja, wo es geblieben sei? Günther Rath lehnte sich zurück, das Taschentuch in seiner Hand war plitschnass, er legte es stöhnend auf den Tisch neben das halbvolle Glas, zog ein anderes, frisches aus der Tasche, wischte sich die Stirn, machte „Aaaaaah“.

Schwesterherz. Das konnte nur Sonja Weber sein, die Unschuldige, die von nichts wusste, die Schauspielerin. Oder schauspielerte am Ende doch dieser Günther Rath? Was hätte er damit bezwecken können? „Ich bin noch nicht fertig“, sagte er jetzt, „das Beste kommt erst noch. Die Zettel lärmen in mir, es ist nicht mehr zum Aushalten.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s