21.09.2011 -288-

„Ich bin wie ein Hörsaal“, sagte Günther Rath mit grinsender Beiläufigkeit und überblickte ebenso die Häupter der Gäste in der kleinen Kaffeebar neben der Verkaufstheke der Bäckerei Siebenlist. „Ich setz mich einfach an einen Ort wie diesen und lasse mich mit Wörtern volllaufen. Sachen höre ich da, das glauben Sie gar nicht.“
Ein seltsamer Mensch. Stand hinter einer Brot- und Kuchentheke, „seit drei Jahren jetzt, von irgend etwas muss der Mensch ja leben und zwar nicht nur vom Essen des Brotes allein, auch vom Verkauf desselben.“, war stets nett und ein auf seine Art gutaussehender Bursche, „aber ohne Abitur, das gestehe ich gleich; zu blöd zum geordneten Zwecklernen, eher so der chaotische Lauschertyp halt, die Abfalltonne für unnützes Wissen.“

Und was ihm dies bringe? Er musste nicht lange überlegen. „Im Prinzip gar nichts. Aber sehen Sie, ich vergesse selten etwas von dem, was ich gehört habe. Das liegt alles da“  – er zeigte sich selbst den Vogel – „und wartet auf Verknüpfungen. Disparates Wissen, wie die Akademiker sagen würden, so wie im Traum, verstehen Sie? Dort wird ja auch aus all unserem Bewusstseinsschrott Nacht für Nacht eine zusammenhängende Geschichte gebastelt. Obskur und bizarr, aber nicht zufällig. Nein, das glaube ich nicht. Es sind gewisse Ähnlichkeiten, die diese Verbindungen herstellen, irrwitzige Assoziationen jenseits der Ratio. Wie in der Sprache. Die Wörter „Scheinwerfer“ und „Schweinwerfer“ etwa. Sind sich phonetisch ziemlich nahe, aber sonst? Im Traum wäre das vielleicht so: Ich fahre des Nachts mit eingeschalteten Scheinwerfern auf einer Landstraße und plötzlich steht ein Mann auf der Fahrbahn und wirft eine trächtige Jungsau gegen die Leitplanken. Die Sau platzt – und ein weiterer Mann taucht auf, greift in die Gedärme des Tieres, zieht ein Bündel Hunderter heraus und wirft die Scheine dem anderen Mann entgegen. Hier schließt sich der Kreis Scheinwerfer – Schweinwerfer – Scheinwerfer.“

Er beugte sich vor, riss die Augen auf und richtete sie – wie Scheinwerfer? – auf mich. „Halten Sie mich jetzt für verrückt?“

Das fragte er genau den Richtigen. Ich stellte mir einen Traum vor, in dem alles an seinem rechten Platz stand. Ein hübsch aufgeräumtes Zimmer. Und dann komme ich in den Raum, schaue mich um und verrücke etwas, den Couchtisch beispielsweise. Was ist nun verrückt? Der Couchtisch oder das Unverrückte in Relation zu diesem Couchtisch? „Hübsches Beispiel“, lobte Rath und beauftragte das vorbeihuschende Serviermädchen, salopp mit „Claudimausi“ angesprochen, uns bitte die nächsten beiden Biere herbeizuschaffen. „Genauso arbeite ich. Etwas hören, in die Tonne des Gedächtnisses stopfen, etwas anderes hören und abwarten, ob dieses Etwas eine merkwürdige Verbindung mit etwas anderem in der Tonne eingeht. Und deshalb habe ich sie kontaktiert. Ist nämlich passiert. Und wie. Völlig unglaublich, Sie werden schon sehen.“

Die ganze Zeit, während er so redete, hatte er zugleich aufmerksam jedes Geräusch um sich herum registriert. Am Nebentisch hockte ein Pärchen und unterhielt sich über eine „Corinna aus dem Büro“, „Claudimausi“ warf im Vorübergehen ein „Unterhaltet ihr euch über Corinna, die Schnepfe?“ hinzu und Günther Rath saugte all das und vieles mehr durch seine Ohren ins Gedächtnis, ließ es dort scheinbar acht- und planlos liegen, wartete auf Verbindungen, auf Auswüchse, auf Verwachsungen, auf Befruchtungen, hochpeinliche Verrenkungen… der Mann wurde mir immer unheimlicher, keine Frage, aber genau das gefiel mir.

„Aha“, sagte ich. „Sie haben also mein Gespräch mit Perschau belauscht.“ Rath hob die Hände. „Sagen Sie nicht belauscht. Es geschieht einfach! Ich setze mich irgendwo hin und höre einfach, was es zu hören gibt. Ich strenge mich nicht an, ich setze mich nicht extra so, bestimmten Gesprächen beizuwohnen. Und glauben Sie mir: Manchmal ist mir all das eine Last, eine Pein, ein Fluch. Andererseits: Es ist mein Leben. Verstehen Sie das?“

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