20.09.2011 -287-

Wir hatten uns für den frühen Abend an der Verkaufstheke der Bäckerei Siebenlist im Hauptbahnhof verabredet, ein ungewöhnlicher Ort, aber was war schon gewöhnlich in diesen Tagen? Wie ich ihn erkenne? „Ich erkenne Sie“, kam die Antwort, „kommen Sie einfach an die Theke.“

Ich stromerte durch die erdunkelnde Stadt, in der noch immer Teile der Weihnachtsbeleuchtung dafür sorgten, dass es nicht richtig dunkel wurde. Sah hoch in den klaren schwarzen Himmel, der mit Kälte nach den Lichtern unter ihm warf. Bahnhöfe an Winterabenden, das sind quietschgelbe Feenpaläste, durch die es ameiselt und singsangt, Orte, an denen man sich geborgen fühlt, weil sie sich nicht um einen kümmern. Besonders die Teigtheke der Bäckerei Siebenlist hat mich schon immer magisch angezogen, ihre Düfte sind Finger, die mich am Schlawittchen packen und zu sich heranziehen, mir den Geldbeutel aus dem Hosensack angeln, ihn öffnen und einen Zehner entnehmen, den sie jovialerweise in Backwerk aller Art umtauschen. So ergeht es nicht nur mir.

Auch heute Abend drängten sich die Verführten in Zweierreihen vor dem gläsernen Sarg der Plunderstückchen, Schokowecken, der zwischen Brötchenhälften gepressten Wiener Schnitzel und Salatblätter, der Bio-Roggen-Vollkorn-Wellness-Brote und süß bestäubten Blätterteigskulpturen. Ich stellte mich gut sichtbar in die Nähe der Kasse, schaute selbst in die Gesichter der Kunden, darunter war allerdings keines, das dem Bild entsprach, das ich mir von Günther Rath mit doppeltem th machte. Schon etwas älter, eher klein als groß, eher dünn als dick, eher grob- als feingliedrig, eher Glatze als ergrauter Haarzopf. Aber niemand entsprach diesem Bild, die meisten der Wartenden waren meilenwert davon entfernt, überhaupt Günther zu heißen, es war ein Ansturm von sehr viel Jungvolk der Kevin- und Chantal-Klasse, dazu sich für die Zugheimfahrt verproviantierende Sekretärinnen, die alle Nicole heißen konnten, und Bankangestellte mit Schlipsen, die unbezweifelbar auf Namen wie Maximilian und Rüdiger hörten – die Bankangestellten wie ihre Schlipse.

Überhaupt: Dumme Idee. Was hatte ich mit diesem Rath zu tun, was ging ihn die Sache an, wie konnte er mir helfen? Darüber war am Telefon nicht gesprochen worden. Es war wie ein Griff nach dem letzten Strohhalm, ein halbwegs interessiertes Wesen in diesem Meer des Desinteresses, und ich wusste: Würde ich jetzt, hier an der verführerischen Theke der Bäckerei Siebenlist, einen xbeliebigen Menschen ansprechen, ihm den ganzen Kasus der bevorstehenden Katastrophe aufdröseln, ich erntete bestenfalls ein höfliches Schulterzucken und die Entschuldigung, man habe jetzt keine Zeit, weil das Puddingstückchen ein Recht darauf habe, gegessen zu werden.

„Hallo“, rief es plötzlich und eine Hand hinter der Theke winkte mir zu. Sie gehörte einem sehr großen, ziemlich dicken, kaum 35jährigen Mann mit schwarzglänzendem Haarzopf, der unter der Dienstmütze des Unternehmens, einem flotten rosa Käppi, herauswuchs. Das war Günther Rath? Er winkte mir weiter zu, hatte gerade keine Kundschaft und ich trat heran, worauf mich zwei Reihen perlweißer Zähne beflissen angrinsten. „Günther Rath, jeweils mit th. Da staunen Sie, was?“

Ich staunte. „In zehn Minuten hab ich Feierabend, dann können wir nebenan was zischen und quatschen. Kleinen Espresso bis dahin? Oder Milchkaffee? Sandwich oder lieber ein Nougatstückchen? Die Erdbeertörtchen sind ebenfalls zu empfehlen, wir bekommen die Erdbeeren jeden Morgen frisch aus Neuseeland oder Chile, weiß der Kuckuck woher.“ Ich entschied mich für Milchkaffee und Käsesandwich, „geht auf’s Haus“, zeigte sich Rath generös und schob sein Käppi keck in die Schräge. Ich nahm mein Zeug und trug es zu einem der kleinen Stehtischchen. Wenigstens eine kostenlose Zwischenmahlzeit.

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