19.09.2011 -286-

Ich kam reichlich deprimiert zu Hause an, kochte mir eine Kleinigkeit aus Nudeln und Soße und lernte, dass viele Köche vielleicht den Brei verderben, ein einziger schlecht gelaunter aber sogar Nudeln. Während ich aß, sah ich unverwandt aufs Telefon. Es war in diesem Augenblick die Außenwelt und es klingelte nicht.

Apropos unverwandt: Ich hatte mir in meinem Frust am Bahnhof einen Krimi gekauft, der „Entfernte Verwandte“ hieß und laut Klappentext beschrieb, wie ein Mann seine Schwester tötet, dafür ins Gefängnis geht und erst am Ende kommt heraus, es war gar nicht seine Schwester, sondern eine russische Geheimagentin und der Mann hat einen Atomkrieg verhindert, ein Held also. Das hatte mich irgendwie berührt. War ich nicht auch ein Held? Nein. Wollte ich einer sein? Nein. Gab es eine Möglichkeit, ein Nichtheld zu bleiben? Ebenfalls nein. Meine Laune besserte diese Erkenntnis nicht. Ich löffelte den letzten Rest Nudelbrei mit Soße, stellte den Teller in die Spüle und setzte mich neben das Telefon.

Ich bekam meinen Metaphysischen, wie zu befürchten. Stellte mir vor, dass es, je länger ich das Telefon betrachtete und je störrischer es schwieg, am anderen Ende der Leitung umso heftiger rumorte. Anderes Ende der Leitung? Es gab Milliarden anderer Enden und keines davon war mit mir verbunden und ALLE waren es doch. Ein Netzwerk, eine Schicksalsgemeinschaft. Ich hätte jedes einzelne dieser Enden anrufen können und jedes einzelne Mal hätte sich ein Mensch gemeldet, eine Institution, ein Kartell von Gutmenschen oder Bösmenschen – und ich hätte ihnen sagen können: Achtung, Sie bomben euch gerade in die Steinzeit zurück. Die meisten hätten mich für verrückt gehalten, wenige nur mir geglaubt, einige gesagt: Ja, okay, wissen wir längst, wir sind ja dran beteiligt, wir sind die Drahtzieher, die Profiteure und gib mal deine Adresse, damit wir dich zum Schweigen bringen.

Mein gescheiterter Versuch, den ganzen Kasus publik zu machen hatte mich gelehrt, dass die Menschheit an ihrem künftigen Schicksal nicht interessiert war. Noch nie gewesen war, dämmerte es mir. Vielleicht hatten sie auch Recht. Man kommt am schnellsten an, wenn man sich treiben lässt, wenn das Boot, in dem man sitzt, keine Ruder hat. Ruder sind keine Garantie, den Weg, den man fahren möchte, selbst bestimmen zu können. Keine Garantie, heil am Ziel anzukommen. Nicht vorher an einer Klippe zu zerschellen, in den Strom zu stürzen und zu ertrinken. Ende metaphysisch-philosophische Anwandlung, Ende Blick zum Telefon. Denn gerade als ich den Blick abwandte, um mich in die nikotingraue Landschaft meiner Zimmerwände zu vertiefen, klingelte der lindgrüne, hoffnungslos altmodische Kasten, sogar die Wählscheibe – ja, liebe Jugend, früher gab es einmal Telefone mit Wählscheibe – vibrierte.

„Sie kennen mich nicht“, sagte die Stimme, und ich konnte ihr nur beipflichten. „Fragen Sie mich nicht, wie ich Ihre Telefonnummer rausgekriegt hab.“ Genau das fragte ich mich gerade. „Ich war wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Konnte ich im Moment schwer beurteilen. „Beim ollen Paule, Sie wissen schon, Sie waren ja auch dort mit diesem Schmierlappen von Journalist.“ Dem hatte ich nichts zu erwidern, stimmte alles. „Ich hab am Nebentisch gesessen und Ihr Gespräch mit angehört.“ Jetzt hellte sich das Dunkel ein wenig auf, wie man so sagt. „Natürlich unbeabsichtigt“, setzte die Stimme hinzu. Und schwieg dann. Es war an mir, etwas zu sagen.

„Wie heißen Sie? Was wollen Sie?“ Zwei Fragen auf einmal, das musste ihn überfordern. Tat es aber nicht. „Mein Name ist Günther – mit th – Rath – mit th. Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten. Über… die SACHE.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s