15.09.2011 -282-

Lutz Perschau ist der beste Journalist, den ich kenne. Ich kenne auch sonst keinen. Wir sind uns vor Jahren in der Altstadt über den Weg gelaufen, als Lutz noch in der Lokalberichterstattung tätig war und das mit dem Lokalen irgendwie mit Kneipen verwechselte, was man ja oft in dieser Branche hört. Kein unebener Charakter. Dass er für unser hiesiges Käseblatt schmiert, kann man ihm nicht vorwerfen, es gibt eben kein anderes in dieser Wüste der freien Berichterstattung. Immerhin schreibt Lutz Perschau stets die Wahrheit, wenngleich man sagen muss, dass es eine Wahrheit ist, von der man stets zwischen 1,3 und 2,5 Promille abziehen muss. Mich hat das noch nie gestört, lieber eine alkoholisierte Wahrheit als eine nüchterne Lüge.

Lutz meldete sich auf seinem Handy, brachte ein gepresstes „Ja?“ heraus, im Hintergrund waren Lachen und Kreischen zu hören. „Ich bin grad in der Fußgängerzone, alle wollen Senta Berger küssen. Die Rentner rollen in Bussen an, so was hast du noch nicht gesehen. Keine Zeit, gibt’s was Besonderes?“ Ich wollte zu einer kurzen, dem ungeachtet umständlichen Erklärung ansetzen, doch Perschau unterbrach mich sofort. „Kann jetzt nicht, bin selber gleich an der Reihe. Zungenkuss von  Senta Berger! Dort hinein, wo vor mir Legionen alter Böcke… na ja, was tut man nicht für den Journalismus! Komm doch einfach selber vorbei, ich warte dann am Brunnen auf dich.“

„Schade, sie ist schon weg!“ Perschau, ganz fünfzigjähriger Bonvivant mit der roten Ehrennase der alkoholischen Legion, trug den Abdruck von Senta Bergers Lippenstift wie einen Orden auf seinem üppigen Schnauzer. „Wow, die Alte hat alles gegeben“, schwärmte der Connaisseur, „so viele Erektionen hat diese Stadt nicht mehr erlebt, seit Dolly Buster beim Altstadtfest das Schlüpfergummi gerissen ist! Und was hast du so auf dem Herzen?“

Ich erklärte es ihm. Während ich redete, schlenderten wir über den Platz, der Szenekneipe „Beim ollen Paule“ zu, wo sich früher die Nutten des Viertels aufgehalten und auf Kundschaft gewartet hatten, heute stattdessen die Huren des Kulturbetriebs auf nichts weiter warteten als auf einen eigenen Gedanken.

„Diese Oxana musst mir unbedingt mal vorstellen“, sagte Perschau, als ich meinen Bericht beendet hatte. Paule, der geschätzt neunzigjährige Patron, knallte uns, wie meistens übel gelaunt, zwei schlecht eingeschenkte Biere auf den Tisch, zischte „Aber nicht kleckern“ und schlurfte zurück hinter die Theke. „Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“ fuhr ich Perschau an. „Außerdem ist Oxana lesbisch, da läuft gar nix.“ Perschau zuckte mit den Schultern. „Abregen, Junge, ich mag lesbische Frauen, vielleicht mach ich mal ne Reportage drüber. Seit ich schwul bin, eröffnen sich mir da ganz neue Horizonte.“ „Du bist schwul?“ Ich zeigte mich erschüttert. Perschau lachte. „Schwul ist heutzutage jeder, ein emotionales Musthave, wenn du verstehst, was ich meine. Natürlich nur theoretisch.“

Ich hatte keine Lust, das Thema weiter zu diskutieren. „Hm. Da biete ich dir die Story deines Lebens – und du?“ Perschau exte sein Bier, rülpste und hielt das leere Glas wirtwärts, von wo ein „Sauft langsamer, alter Mann is ja kein D-Zug“ kam. „Unglaubliche Geschichte“, musste Perschau zugeben, „fällt leider nicht in mein Ressort. Ich mach Lifestyle, Events und Krimikritik.“ „Krimikritik? Du liest?“ Perschau lachte abermals. „Wenn ich lesen würde, wär ich Literaturkritiker, capito?“

Ich nickte bitter. Dafür interessierten sie sich in dieser Republik, für zungenküssende Altdiven und Krimis. „Ach geh“, wiegelte Perschau ab, „ich glaub dir ja. Ganz schlimm. Vielleicht kann ich unseren Politikredakteur anspitzen. Was soll noch mal abgeschafft werden? Kann aber ne Weile dauern, die Politikredaktion macht gerade den Leserwettbewerb DICHTEN MIT POLITIKERNAMEN, Frau Merkel ist kein Euroferkel, Westerwelle liebts auf die Schnelle und so. Hast auch nen Reim?“ „Steinbrück“ sagte ich nur. „Das reimt sich aber nicht richtig, du ordinäre Sau“, bedauerte Perschau.

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