14.09.2011 -281-

An diesem Vormittag stürzten die Aktienkurse ins Bodenlose. Schon seit dem frühen Morgen wälzte sich ein Strom schlechter Nachrichten über die Welt, begonnen hatte alles mit der Klage der USA gegen die Kreissparkasse Unterweidingen, 34 Milliarden Dollar Schadenersatz wegen vorsätzlicher Täuschung einer amerikanischen Investmentbank, was, da die Sparkasse selbstverständlich systemtragend war, zu einer hektischen Rettungsaktion geführt hatte, an die sich die deutschen Steuerzahler noch in hundert Jahren schmerzlich erinnern sollten.

Ich saß vor dem Fernseher und grinste das Grinsen des rettungslos Verlorenen, des Hilf- und Ahnungslosen, ein ungepflegter Mann in Jogginghose und verwaschenem Pulli. Auch als der griechische Ministerpräsident vor die Kameras trat und verkündete, im Grundgesetz seines Landes werde ab sofort das Recht jedes Griechen auf ausschweifende Zechgelage und Sexpartys verbrieft, saß ich unbeweglich vor dem Kasten, wartete auf die nächste schlechte Nachricht, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Josef Ackermann hatte sein gesamtes Kapitalvermögen verflüssigt und eine Rinderfarm in Argentinien sowie alle Immobilien der Stadt Lüdenscheid dafür erworben. Und auf Island tanzte man. Das war zwar eine noch unbestätigte Nachricht, von den Regierungen der Welt heftigst dementiert, doch jedes Gerücht war in diesen Tagen mehr wert als jedes Regierungsstatement. Eine undichte Stelle irgendwo, es gab nur noch undichte Stellen.

Die Figuren auf dem Bildschirm zogen an mir vorbei wie die schwankenden Gestalten eines absonderlichen Panoptikums. Wirtschaftsweise, die sich coram publico zu Wirtschaftsidioten erklärten und versprachen, sich auf ihre schlossähnlichen Anwesen mit Seeblick zurückzuziehen, um fortan die Schnauzen nur noch zum Völlen und Ablecken blutjunger Gespielinnen zu öffnen. Dann – ich war noch immer unfähig, mich zu bewegen – traten Kanzlerin und Wirtschaftsminister in altbekannter Krisenbewältigungsmanier vor die Kameras, sprachen ihr „Die Aktien sind sicher“ und verschwanden mit einem Lächeln, das so aufmunternd geraten war, dass sich verzweifelte Journalisten im Saal in die vorsorglich mitgebrachten Schwerter stürzten.

Da, am rechten Bildrand – das war doch… Mauritz Kriesling-Schönefärb, kein Zweifel, weiß wie eine Wand, ungeschminkt und schwitzte wie ein Schwein, wenn Schweine schwitzen könnten. Die Journalisten packten ihre Gerätschaften, sammelten die Freitoten ein und zogen still von dannen.

Als dann die Moderatorin des Frühstücksfernsehens verkündete, alle Banken hätten eine Woche lang geschlossen und ihre Geldautomaten deaktiviert, um das Fest des Heiligen Spekulatius ausgiebig zu feiern, war ich bedrohlich nahe an meine Kotzgrenze gekommen. Die Riege der führenden deutschen Jungschauspielerinnen, inklusive Iris Berben und Senta Berger, erfuhr man sogleich, sei in die Fußgängerzonen der Republik ausgeschwärmt, um kostenlose Zungenküsse und Lose der Aktion Sorgenkind zu verteilen. Ein typisches Ablenkungsmanöver, schon klar, und die Vorstellung eines Senta-Berger-Kusses trieb mich endgültig aus dem Sessel und dorthin, wo der liebe Gott uns ein lauschiges Örtchen für Notdurften aller Art eingerichtet hat.

Ich musste handeln. Ich wusste nicht mehr weiter, alles schlug über unseren Köpfen zusammen, es waren Mächte am Werk, die weit größer waren als wir. Ich durfte nicht zusehen, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als meine Sachen zu packen und in den dunkelsten, einsamsten Wald zu ziehen, mir eine Höhle zu graben, mich von Beeren zu ernähren und abzuwarten. Warten auf was? Nein, raff dich auf, Moritz. Ich musste an die Öffentlichkeit, mein Wissen preisgeben. Ich schlug eine Telefonnummer nach und begann zu wählen.

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