13.09.2011 -280-

Der Satellit NSJI (no spy – just information) eierte um die Erde. Er konnte auf einer bierdeckelgroßen Fläche zwei Zwèrgameisen beim Poppen zusehen, was er allerdings, aus purer Langeweile, nur tat, wenn Nordkorea gerade keine Atombombe zündete, im Iran niemand gesteinigt wurde oder Angela Merkel bei einem Joint entspannte. Die meiste Zeit jedoch fristete er das öde und inhaltslose Leben eines Rentners, der hinter der Gardine auf Parksünder lauert, nur dass er wesentlich bessere Augen hatte. Die brauchte er heute auch, denn ganz Island tanzte.

„Was zum Teufel geht da ab?“ Major Krieger-Sullivan, der Wachhabende im NATO-Hauptquartier zerbiss den letzten intakten Rest seines Havanna-Stumpens. Er rauchte nicht, er kaute lieber, außerdem war hier rauchen verboten, aus gesundheitlichen Gründen, man befand sich schließlich im Kriegszustand. „Sie tanzen“, sagte der Techniker, ein blasser Typ namens Rodriguez-Martinez und wippte mit dem linken Fuß. Island war eine nervige Insel. Sie erinnerten sich an die ewigen Vulkanausbrüche, wenn Berge mit unaussprechlichen Namen Asche spuckten. NSJI entdeckte so etwas immer als erster, als hätte er nichts Besseres zu tun. Jetzt also schoben sich geschätzte 100.000 Menschen durch Reykjavik, bewegten sich im Rhythmus einer unhörbaren Melodie (hören konnte NSJI nämlich nicht), sprangen zugleich hoch, kamen zugleich auf dem Boden auf, der Globus vibrierte, zitterte, das jedenfalls meldeten die Sensoren auf dem Meeresboden rund um Island.

Krieger-Sullivan spuckte den Stumpen aus. Griff zum Telefon und wählte eine Nummer, atmete durch. Ernstfall. Höchste Alarmstufe. Etwas war schiefgegangen. Eine Stimme am anderen Ende, die nach einem Codewort fragte. Krieger-Sullivan überlegte kurz. Jetzt bloß keinen Fehler machen. „Operation Moneyshot“ sagte er dann. Warten. Er wurde weiterverbunden. Noch einmal durchatmen. Dann die Stimme. Sie ging dem Major durch und durch. ER! „Island tanzt, Mr. President.“

Barack Obama schickte ein „shit“ durch die Leitung. Warum tanzten die Brüder und Schwestern dort? Was das vorgesehen? Hatte die Tea Party wieder das Drehbuch kurzfristig umgeschrieben, ohne ihn zu informieren? Er überlegte, sagte dann: „Ok, sollen sie tanzen. Ist auch egal. Sonst noch etwas?“ Krieger-Sullivan atmete noch einmal durch. Er könnte jetzt „nein“ sagen und auflegen, kein Mensch würde ihm einen Vorwurf machen. War nicht seine Sache. Aber sie kamen wieder einmal nicht zu Potte, die Herren vom Generalstab, alles Zögerer, Sesselfurzer, Bürokratenhengste. „Nun ja….“, begann Krieger-Sullivan und schaute zu Rodriguez-Martinez, der andächtig lauschte. „Was  nun ja?“ Obamas Stimme klang gereizt. Oh mein Gott, er hatte den Präsidenten verärgert. Aber da musste er durch. „Es geht um DAS PROBLEM.“ Stille am anderen Ende. Dann: „DAS PROBLEM? Wir haben ein Problem?“ Oh du meine heilige Fresse, sie haben ihm nicht einmal von DEM PROBLEM erzählt, durchfuhr es Krieger-Sullivan. Hätte er doch nur sein Maul gehalten. Zu spät. Er hockte in der Scheiße. „Moritz Klein“, flüsterte er stockend und erwartete die beiden Wörter plus Fragezeichen und einem heftigen Fluch zurück. Zu seiner Überraschung retournierte der Präsident den Namen nicht, schickte nur ein „fuck off“. „Ja“, wimmerte Krieger-Sullivan, „DAS PROBLEM halt. Es ist noch immer nicht gelöst. Der läuft mit seinen Leuten noch immer frei herum.“

Der Präsident lachte. War doch stets ein Spaß, mit irgendwelchen Subalternen zu plaudern, kleinen Lichtern, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. „Sie nennen diesen Moritz Klein ein Problem? Womit haben Sie eigentlich sonst noch Probleme? Mit dem Scheißen, mit dem Zähneputzen, ihrer Frau? Kümmern Sie sich um diese tanzenden Idioten, halten Sie mich auf dem Laufenden, vergessen Sie diesen Moritz Klein. He ain’t worth a bloody fuck.“

Aufgelegt. „Tja“, sagte Krieger-Sullivan in Richtung Rodriguez-Martinez, „schönen Gruß vom Präsi und immer weiter so. Wo zum Teufel ist mein Stumpen geblieben?“

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