11.09.2011 -278-

Jetzt müsste man die Zeit anhalten können, dachte Irmi. Wie friedlich sie schliefen! Gut, dass sie ein Doppelbett hatte und die Gästecouch im Wohnzimmer. Mirjam und Mohamad lagen, schicklich angezogen und fein säuberlich voneinander getrennt, im Bett, da war nichts passiert, da hatte man vielleicht daran gedacht, aber war stark geblieben. Gleichmäßiges, tiefes Atmen. Langsam schloss Irmi die Tür, schlurfte in die Küche, spürte ihr Kreuz. Die Gästecouch war wirklich eine Zumutung, sie müsste sich etwas überlegen, wenn die Einquartierung der beiden zum Dauerzustand werden würde. Dagegen hatte sie nichts. Sie freute sich sogar irgendwie.

Nein, man konnte die Zeit nicht anhalten. Zurückdrehen, ja, das konnte man, daran wurde gearbeitet. Sie hatte vorhin mit Moritz telefoniert, völlig übermüdet, der Arme, wie sie selbst. Ein Komplott? Nicht ausgeschlossen. In der Geschichte tummelten sich die Steinzeitbomber, dem letzten, diesem Pol Pot, hatten sie nach 2 Millionen Opfern das Handwerk gelegt, aber der Nachwuchs wartete schon. Ach was, nicht drüber nachdenken. Man ärgert sich nur. Tat sie auch so schon und ließ es die Kaffeemaschine spüren, die ob der rabiaten Behandlung noch schlimmer ächzte als normal. Wie ein naiver Teenie war sie den Kommune-Typen auf den Leim gegangen, für ein paar Stunden hatte ihr der Verstand zwischen den Beinen gesessen. Sie würde sich furchtbar rächen, das stand fest. Irgendwann und irgendwie. Aber erst mal abregen und Frühstückstisch richten.

Es ist einfach zu ruhig, dachte Hermine. Zu ruhig und zu harmonisch. Jonas und Laura und Katharina sitzen beim Frühstück, schweigen. Nicht einmal den Kaffee schlürfen sie. Es liegt etwas in der Luft. Die Nacht hatte keine Ruhe gebracht, im Gegenteil. Jene unangenehme Schlaflosigkeit, den Kopf gedankenvoll, die Gedanken wie auf einem Jahrmarkt, überall wimmelte es, rumorte es, machte es Lärm. Dann der Anruf von Moritz, dem es nicht besser ergangen war, der von einem Komplott sprach. Hermine hatte genickt. Ja. Etwas Größeres steckte dahinter, ein Staatsverbrechen, wie man wohl sagte. Aber man konnte nichts tun. Nachher einkaufen gehen und heute Abend in die „Bauernschenke“, seine Arbeit machen und abwarten. Man würde sich dort wieder treffen, würde beratschlagen. Änderte nichts. Etwas lag in der Luft – und es war nichts Gutes.

Mann, war das gut gewesen! Borsig betrachtete die Riesin neben sich, diesen vibrierenden Berg nackten Fleisches. Er hatte nicht gewusst, dass eine Frau doppelten Gewichts auch einen doppelten Orgasmus garantierte, jetzt wusste er es. Und heute am Vormittag würde sie von dem Objekt ihrer Begierde einen Gipsabdruck machen, wie die Groupies in den Sechzigern, die Plaster Casters oder wie die hießen. Mädels, die sich Jimi Hendrix und Mick Jagger und Jim Morrison geangelt und deren beste Stücke für die Nachwelt verewigt hatten. Cool, dachte Borsig, jetzt ich auch. Verdientermaßen. Ein richtiger Mann wächst an den Aufgaben – und der richtige Mann war gewachsen. Und wie. Bis sogar Nancy Halgrimsdottir, die von sich behauptete, ihre erotische Hitze bringe selbst Gletscher zum Schmelzen, bass erstaunt war und ihm ein „Is gut jetzt, Schatz, das reicht“ ins Ohr geraunt hatte. Und dann war auch gut. Eine Stunde lang.

Jetzt stand er vorsichtig auf, leise, um die Geliebte nicht zu wecken. Tappte küchenwärts, orientierte sich, fand alles, was er brauchte, kochte den stärksten nur vorstellbaren Kaffee, kramte nach seiner Geldbörse, hoffte auf eine offene Bäckerei in der Nähe, fand zuerst genügend Geld, dann die offene Bäckerei in einer Seitenstraße, pfiff sich eins und wandelte zurück. Es war noch dunkel draußen. Sehr still. Zu still. Er hörte auf zu pfeifen. Etwas Unangenehmes fasste ihn an, eine kalte Hand. Ihn schauderte. Unsinn. Einbildung. War doch niemand weit und breit. Eben. War doch niemand weit und breit. Das war es, das ihm Angst machte.

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