05.09.2011 -272-

Marxer taumelte. So musste es den Helden seiner Kriminalromane ergehen, nachdem sie gerade die Welt oder wenigstens eine schöne Frau vor dem Verderben gerettet hatten. Dieses moralische Hochgefühl, ein gesunder und berauschender Cocktail aus Adrenalin, Testosteron und dem Zeug, das in der Schokolade drin ist und Glücksgefühle produziert. Müsste man nachschlagen.

Sie waren endlich daheim. Oxana und Sonja Weber teilten sich das Badezimmer, aus dem es so penetrant erotisch nach draußen drang, dass Marxer an jedem anderen Tag in schwülstig-warme Phantasien eingetaucht wäre, um sich von ihnen fortreißen zu lassen. Heute jedoch nickte er die ganze Chose mit einem Lächeln des Verständnisses ab und erinnerte sich an Oxanas Versprechen, „etwas“ bei ihr gut zu haben. Allein die Aussicht darauf ließ ihm schwarz vor Augen werden. Und müsste er nicht auch bei Sonja Weber etwas gut haben? Wenn es nur einen Funken Weltgerechtigkeit gibt, dachte Marxer, dann wird sich baldigst der letzte noch unerfüllte Traum meiner Pubertät vollenden: Mit zwei atemberaubenden Frauen ins Bett gehen, gleich zwei Danach-Zigaretten genüsslich schmauchen dürfen, ein Buch darüber schreiben und es auf der SPIEGEL-Bestsellerliste im Sprint nach oben schießen sehen.

In seinem Arbeitszimmer setzte sich Marxer sofort an den Computer, seine Beine waren Säulen aus Wackelpudding, sein Kopfinhalt von ähnlicher Konsistenz und der Explosivität handelsüblichen Plastiksprengstoffs, seine Abteilung Schwellkörper beherbergte einen Hornissenschwarm on dope. Und in diesem Kopf setzten sich gerade ganze Romane wie riesige Puzzles zusammen. Fast wie von selbst, doch es waren fragile Gebilde, man musste sie auf der Stelle fixieren, mit der routinierten Sprache des Vielschreibers provisorisch binden. Diese Kunst beherrschte Marxer, dem das Schreiben schon immer so vertraut gewesen war wie anderen Leuten das Verlegen von Badezimmerfliesen.

Badezimmer. Oxana und Sonja waren diesem soeben entkommen, liefen jetzt – so hörte es sich jedenfalls an – barfuß über den Flur, jauchzend und giggelnd, nachfeiernd und vorfreudig, stoppten vor dem Arbeitszimmer, öffneten die Tür, streckten die Köpfe hinein und wisperten ein „Gute Nacht“-Duett. Allein das hätte Marxer umgehauen, doch dazu kam, dass beide Frauen nichts sonst trugen als nach vorne offene Bademäntel. Nach zwei Sekunden war der herrliche Spuk vorbei, die Tür wieder zu. Das Bild indes hatte sich für alle Zeit in Marxers Gedächtnis verewigt.

Er musste runterkommen, runterkommen und kreativ gleichzeitig oben bleiben, das war die ganze Kunst des Schreibens. Der Kopf eine wilde Facebookparty (Marxer kicherte in sich hinein) mit festen Regeln, Dantes „Inferno“ von einem blutleeren Bilanzbuchhalter in Szene gesetzt. So musste das laufen. Man brauchte einen Anfang. Also konzentrieren. Wo beginnen?

Irgendwie gingen Marxer die Pixies, von denen diese Vika (Vika!) erzählt hatte, nicht mehr aus dem Kopf. Mal googeln. Er landete bei einer ehemaligen Rockband namens Pixies, hörte sich ein bisschen was von ihnen an, klang gar nicht mal schlecht. Elfen und Trolle und dieser ganze Mist, na ja, Marxer erinnerte sich, in seiner Jugend Fantasy geschrieben zu haben, was alle einigermaßen begabten Jungschriftsteller tun, die nicht genug Phantasie für die Wirklichkeit haben. „Die Rolle der unsichtbaren Welt in der Romantik am Bespiel von Ludwig Tieck“, darüber hatte er einmal eine Hausarbeit an der Uni geschrieben, als er noch dachte, das Studium der Germanistik sei die einzige akademische Wahl für Literaten (es hatte sich als genau umgekehrt entpuppt: Wer Literat werden möchte, darf alles studieren, bloß nicht Literaturwissenschaft). Hm, dachte Marxer. Wäre doch mal was anderes. Wenn er quasi, auch um dem Chaos der Gegenwart für eine Weile zu entfliehen, in die Vergangenheit… also jetzt mal ins Unreine formuliert: Wenn er aus der Geisteshistorie heraus die Geschichte aufbauen und dann behutsam in die Wirklichkeit führen würde… schon hatte er zu tippen begonnen.

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