03.09.2011 -270-

Endlich, eine knappe Stunde, eine dünne Schnur mit klapprigen Gedanken und mehreren von leichtem Permafrost eingeschläferten Füßen später, tat sich etwas. Das war einer der Gründe, warum Vika ihren Beruf so liebte, er machte alltägliche Dinge zu Sensationen, wenn sie den Zustand vollkommener Monotonie beendeten, so wie jetzt, als nichts weiter auftauchte als ein gewöhnliches Auto, nicht einmal das, in welches die Frau des Detektivs so überraschend gestiegen war, dem die Enteilte nun aber entstieg. Ein Lieferwagen, grau, Vika las die Aufschrift „Pixies of the Iceland – The Jersey Dance & Myths Company“, was irgendwie nach Zauberei klang und tatsächlich war der Wagen auch gleich wieder verschwunden und Schnüffels Frau ebenfalls. Jener um die Ecke, diese im Hotel, nein, keine Zauberei, aber wusste man das wirklich so genau?

Eine weitere halbe Stunde geduldigen Wartens, bis das Paar auf die Straße trat, beide Gesichter beträchtlich gerötet, der Streit war also weitergegangen. Sie trugen Reisetaschen bei sich, leichtes Gepäck, alles sah nach einer überstürzten Abreise aus und schon hielt auch ein Taxi am Bordstein.

Dumm gelaufen, Vika, die waren weg. Zu diesem Verdruss gesellte sich ein weiterer, die Detektivin hatte ihr Handy im Hotel liegen lassen, böser Fauxpas. Sei’s drum. Was tun? Zum Hafen, irgendwie, auf schnellstem Wege, vielleicht würde man… Sie suchte einen Taxistand, fand ihn schließlich, erreichte den Terminal für die Fähren zum Festland, die nächste würde erst in einer halben Stunde ablegen, doch kein Ehepaar Schnüffel stand am Schalter, saß im Warteraum. Also die Fähre nach England rüber? Sorry, sagte die Frau am Schalter, die Fähre ist gerade weg. Verflucht.

Essen, überlegen. Pixies of the Iceland? Isländische Feen? Elfen? Kobolde? Vika hatte sich mal einen Pixie Cut verpassen lassen, einen Kurzhaarschnitt, damals nach dem Coming Out. Natürlich rot gefärbt, sah frech aus. Es war kein Problem, die Adresse im Telefonbuch zu finden, eine Spur wenigstens, wenn sie die andere schon verloren hatte. Vika seufzte. Manchmal hasste sie ihren Beruf.

„Und?“ „Nichts weiter, aber sie wird es uns schon erzählen.“ Oxana, kurz und knapp. Alle waren müde und denkfaul geworden, sogar die Rentner, die wie Schnappfische am Nebentisch hockten und deren Ohren inzwischen doppeltes Volumen erreicht hatten, signalisierten durch fortlaufendes Gähnen, es sei an der Zeit, die heimatlichen Betten aufzusuchen. „Schade“, sagte Marxer, der sich an seine Heldenrolle gewöhnt zu haben schien und nicht bereit war, sie ohne Murren aufzugeben. „Ich geb auch noch einen aus. Kanns immer noch nicht fassen, dass meine Idee so eingeschlagen hat.“ Ja, ja, wir wussten es inzwischen. Wahrscheinlich hatte er ähnliches in einem Buch gelesen und einfach übernommen, wie es die gute bewährte Art des gemeinen Krimiautors ist. „Bist ein tolles Bürschlein“, lobte Oxana mechanisch, auch Sonja Weber lächelte anerkennend, selbst Mirjam, die kein Wort verstanden hatte, nickte aufmunternd in Richtung des eitel sich spreizenden Dichterlings.

Heimwärts. An eine Übernachtung bei Hermine war nicht zu denken gewesen, wir sehnten uns – bis auf Marxer, wie gesagt – nach Ruhe und Einsamkeit, ich stellte mich unter die Dusche – scheiß auf die Nachbarn – und ließ meine disparaten Gedanken wegschwemmen, kroch nackt unter die Bettdecke und wartete auf den Schlaf wie auf einen verspäteten ICE, wusste also, er würde nicht kommen, drehte mich um und wieder um, stand auf und rauchte, legte mich hin und befand, man solle doch nicht nackt schlafen, stand wieder auf und schlüpfte in meinen einzigen Schlafanzug, legte mich abermals hin und wartete auf eine Lautsprecherdurchsage – „Der Schlaf hat Einfahrt auf Gleis 3“ – natürlich vergebens. Also stand ich endgültig auf und schaltete, weil keine Schlaftabletten im Haus waren, den Fernseher an.

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