01.09.2011 –268-

Er war es. War er es wirklich? Sie hatte ihn nur einmal gesehen damals, auf einem Branchentreffen, sie als Berufsanfängerin, die das angebotene Handwerkszeug bestaunte, die winzigen Abhöranlagen, Mikrophone in Kugelschreibern, Flammenwerfer in Sicherheitsnadeln, KO-Tropfen für blutrünstige Schäferhunde. Er hatte nicht auf der Gästeliste gestanden, war einfach so aufgekreuzt, schwer betrunken und krakeelend, die Kleidung abgetragen und schmutzig, roch nach Bier und Kotze und Mottenpulver. Man hatte ihn rausgeworfen, die Köpfe geschüttelt und, bei einem Sektempfang der Firma „Transparent – Detektivbedarf“, sich eine Viertelstunde lang Anekdoten über IHN erzählt, das schmierige Anti-Aushängeschild der Branche, den Mann mit den zu offenen Händen und dem komischen Gang. Doch. Er war es. Der Vorname fiel ihr nicht ein, aber der Nachname war unvergesslich. Schnüffel.

Immerhin sah seine Kleidung jetzt besser aus, ein Kontrapunkt zum in löblicher Eigeninitiative mit Drogen aller Art geschundenen Körper. Er schien nüchtern, aber genauso peinlich wie in volltrunkenem Zustand. Und der war mit einer verheiratet, die eine Nachkommin der Le Pernacs… Sollte das Zufall sein? Die Frau unauffällig mustern. Klasse sah anders aus, aber dennoch: Sich an einen wie Schnüffel zu hängen, deutete auf einen schweren Fall von Geschmackskrebs hin, aber vielleicht schloss man heutzutage Ehen nicht mehr aus Liebe, sondern aus Hass – und dann passten die beiden perfekt. Sie wurden immer lauter.

„Deine bucklige Verwandtschaft kann mich mal! Arrogante Bagage, große Sprünge, nix im Beutel.“ Sie rotzte zurück: „Dafür hab ich wenigstens noch welche! Deine is lieber tot als auf einem Planeten mit dir rumzulaufen!“ „Deine Witze waren auch schon mal besser. Aber der beste bist du immer noch selber!“ Gleich würde sie heulen, sie kämpfte schon mit der Gesichtsmuskulatur, wartete nur noch darauf, dass auch die Tränenproduktion mitzöge. Schnüffel kam ihr zuvor, bellte – auf Deutsch – „Zahlen!“ in den Raum und stand auf. Offenbar war nicht er derjenige, der die Zechen begleichen sollte. Seine Frau legte einen Schein auf den Tisch, stand ebenfalls auf, ihrem zürnenden Gemahl hinterher, die unfreiwillige Statisterie an den anderen Tischen atmete auf. Vika machte ein diskretes Zeichen zur Bedienung.

Sie gingen jetzt schweigend nebeneinander. Dann begann Schnüffel auf seine Begleiterin einzureden, die schüttelte den Kopf, was den Mann dazu brachte, noch mehr zu reden, seinen Arm um ihre Hüfte zu legen, sie schüttelte ihn ab, sagte etwas, das ihn zum Schweigen brachte. An einem Kiosk blieb Schnüffel stehen, erstand eine deutsche Zeitung, blätterte sie im Weiterlaufen durch. Lachte plötzlich auf, hielt seiner Frau das Papier unter die Nase. Etwas näher ran, dachte Vika, vielleicht kann ich was aufschnappen. Unwahrscheinlich, dass sie mich bemerken. Noch unwahrscheinlicher, dass ich ihm damals aufgefallen bin bei der Tagung.

Was jetzt passierte, ging sehr schnell, zu schnell. Ein Auto kam ihnen entgegen, hielt auf der Höhe des Paares, die Beifahrertür wurde von innen geöffnet – und die Frau sprang hinein. Der Wagen fuhr, die Tür noch geöffnet, an und beschleunigte und war weg, viel zu schnell auch für Vika, ein Kleinwagen, mehr konnte sie nicht erkennen. Schnüffel blieb mit geöffnetem Mund zurück, die Zeitung fiel ihm aus den Händen. Er ließ sie liegen. Schüttelte den Kopf und ging weiter. Interessant, dachte Vika. Mal gespannt, wo er hingeht.

In ein kleines Hotel, natürlich. Warten, dachte Vika und sah sich um. Kein Café in der Nähe, nicht gut. Es war nicht einmal kalt, ihre Füße begannen dennoch zu gefrieren. Sie lief hin und her, auf und ab, verfluchte ihren Beruf, verfluchte Schnüffel. Aber, noch einmal: interessant. Eine Geschichte mit vielen neuen Fragezeichen.

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