30.08.2011 –266-

An Waldspaziergänge mit Männern hatte Hermine eindeutige Erinnerungen und es waren die schlechtesten nicht. Ob Picknick oder keines, Decke oder ohne, letztlich endete so etwas immer handgreiflich. Heute nicht. Obwohl der Typ nett war und ihr das Leben gerettet hatte – du wirst alt, Hermine. Oder nein: Er war eindeutig zu jung. Und auch nicht von der Polizei. Alles nur ein Trick, clever. Sie folgten einem Wanderweg, versuchten die Symbole an den Bäumen zu lesen, stilisierte Füchse, Hasen, Wiesel, mal in Rot oder Blau, kryptisch so oder so. Irgendwo würden sie rauskommen.

Rauskommen war ein Problem. Die Straßen von Großmuschelbach litten an Menschendurchfall und gleichzeitiger Verstopfung, Autos standen kreuz und quer, mit offenen Türen, teure Musikanlagen ließen Bässe wummern, wummernde Bässe brachten frierende Hintern zum Wippen. Jemand zählte 1-2-3 in ein Megaphon, auf dem Dach eines Audi tanzten zwei Pärchen barbusig, Sonnenbrillen auf, gänsehäutig und der Schweiß sah aus wie dünner Eisüberzug oder umgekehrt. Moment, sagte Oxane, nahm dem Typen das Megaphon aus der Hand. „Alle hoch zum Bergwerk, dort gibt’s die leckeren Pillen.“ Sie grinste. „In zehn Minuten ist es hier wie ausgestorben und wir können fahren.“ Die Künstlerinnen rollten ihre Pullover wieder über den Bizeps.

„Hat sich ausgestorben“, sagte Borsig und grinste. „Echt ey“, grinste Laura zurück. Wir waren unterwegs zu Hermines Wohnung, hofften die Besitzerin, um die wir uns Sorgen machten, dort vorzufinden. Vorher beim Pizzaexpress anstehen, vollbeladen weiter, wir hatten Hunger, aßen die Schnitten aus der Hand im Gehen. „Mama?“ Jonas fragte vergebens in die leere Wohnung hinein.

„Jersey? Du bist nicht zufällig der nette Mann, der Moritz aus der Scheiße geholfen hat?“ Mohamad Ndaye war verblüfft. Doch, war er. „Na, so ein Zufall!“ Alle hockten in Irmis Wohnung, Eierlikör durfte sie jetzt nicht auf den Tisch stellen, der nette Kerl war Moslem. Also heimlich in der Küche einen großen Schluck aus der Flasche. Als sie mit einer Ladung belegter Brote, Gurken- und Tomatenscheiben, dem dampfenden Teekessel zurückkam, unterhielten sich die Zwillinge schon eifrig mit Mohamad und seiner stillen Freundin, in einer Gemisch aus Englisch, Deutsch und Französisch. „Ich muss rumtelefonieren“, fiel Irmi ein. „Wir sind frei – was ist mit den anderen? Hermine?“

Die entdeckte das rote Viereck als erste. „Da! Ein Dach!“ Kriesling-Schönefärb nickte. Kam ihm bekannt vor. War er hier nicht aus dem Wagen gestiegen und in den Wald getappt, dem größten Abenteuer seines Lebens entgegen? Sein bisherigen Lebens, wohlgemerkt. Gefiel ihm nämlich. War wie Kino, war besser als die Bundeskanzlerin und die ewigen Arbeitsgruppen, die Krisenstäbe, dickliche Herren, die an 16jährige Facebook-Bekanntschaften dachten, von ihm verlangten, sich etwas gegen brennende Autos in Berlin einfallen zu lassen, irgendeinen dummen Spruch, der die Leute besänftigen sollte. „Hände hoch, Polizei!“ Das wärs doch! Kriesling-Schönefärb kicherte, ganz leise, damit ihn die Frau nicht hörte. Schöne Frau. Bisschen zu alt. Ach was. Sie hatten noch nicht darüber geredet, was eigentlich los war. Immer stumm durch den Wald, erst einmal in Sicherheit. Und wenn er einen schrecklichen Fehler gemacht hatte? Eine Verbrecherin gerettet? Noch besser, dachte er. Mit Verbrechern kannte er sich aus. Arbeitsgruppen, Krisestäbe, was da alles drinsaß, mindestens 1000 Jahre Knast.

„Dürfte ich mal ihr Handy?“ Hermine lächelte ihn an. „Es ist nur… mein Sohn. Er macht sich bestimmt schon Sorgen.“ Aha, ein Sohn. Haben Verbrecherinnen Söhne? Er kramte das Handy aus dem Handschuhfach, gab es ihr. Sie saßen nebeneinander, die Standheizung nahm Fahrt auf, begann sie zu wärmen. Erst jetzt bemerkte Kriesling-Schönefärb, dass ihm kalt war. Verdammt kalt. Und heiß.

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