29.08.2011 – 265-

Manchmal, hatte ihn seine Mutter gelehrt, denkt es sich mit dem Herzen besser als mit dem Kopf. Jetzt zum Beispiel. Mohamad Ndaye wusste nicht, was hier gespielt wurde, er wusste nur, dass das hier kein Spiel war. Jemand bedroht drei Frauen mit einer Pistole und schau ihnen allen nur in die Augen und du siehst, wo die Angst sitzt und wo die eiskalte Lust am Töten. Das meinte seine Mutter mit dem Herzen und mit dem Kopf. Sein Verstand riet ihm: Halt dich raus. Kann dir nur schaden. Das sind die Leute, die dir helfen können.

Geh zur Kommune, Mohamad, hatte man ihm geraten, sind gute Menschen, werden dir Arbeit geben oder sagen, wo du welche findest. Unterkunft, Verpflegung. Aber das hier waren keine guten Leute. Wer waren sie überhaupt? Bedrohten Menschen mit einer Waffe, eine ältere Dame darunter, die das Alter seiner Mutter hatte. Mohamad Ndaye wandte den Kopf Mirjam zu, suchte ihren Blick und fand darin, was ihm seine Mutter gesagt hätte. Herz, Mohamad, nicht Kopf.

Mirjam. Eine Christin aus dem Süden, war halt einfach so passiert. Er hatte sie nichts gefragt. Moslem, Christin, das kotzte ihn an. Eine junge Frau inmitten all der anderen Jammergestalten, sie war ihm aufgefallen, natürlich. Als sie sich trennten, vor ein paar Tagen an der normannischen Küste, standen sie irgendwann zusammen an der Straße, die stille Mirjam und er, der genauso still war. Keine Worte nötig. Schlugen sich zusammen durch, fuhren schwarz in Zügen, übernachteten unter dünnen Decken, sehr nah beieinander, nicht zu nah, überall dort, wo man sich leidlich vor Kälte und Regen schützen konnte. Man gewöhnt sich an alles: an die europäische Kälte, an den Schrecken, an die Angst, an das Leben als solches.

Im Elsass dann bei diesem Landsmann, der dort in einem Lokal als Küchenhelfer arbeitete, bekam Mohamed den Tipp mit der Kommune. Einen Beutel mit Essen und einen zwanzig Euroschein, das war nicht viel, aber das half. Sie fanden die Kommune. Sie waren jetzt dort. Sie sahen, wie Menschen mit einer Waffe bedroht wurden. Mohamad näherte sich dem Mann mit der Waffe, der drehte sich kurz zu ihm hin, taxierte ihn überrascht, sagte dann: „Halt dich da raus, Bimbo.“ Aha.

Der Bimbo schlug ihm einfach die Knarre aus der Hand. Und dann mit der selben Hand ins Gesicht. Bis dahin war alles wie eingefroren gewesen: Hier die Bedrohten, dort die Bedroher, im Gebäude dahinter Schreie und Stöhnen. Jetzt taute das alles auf, der Mann war zu Boden gegangen, auf die Knie, auch er stöhnte, die beiden Frauen, die bei ihm gewesen waren, begannen zu kreischen, zeigten mit den Fingern auf ihn, der zweite Mann machte einen Schritt auf Mohamad zu, aber sehr zögerlich. Mohamad nahm die Waffe auf, sehr ruhig, betrachtete sie sich. Der Mann wich wieder einen Schritt zurück. Die drei Frauen wussten nicht so recht, was zu tun sei. Dann kam ein Mann aus dem Gebäude hinter ihnen, sah fürchterlich aus. Jetzt setzten sich die drei Frauen in Bewegung, Mohamad winkte sie an sich vorbei, zu Mirjam hin. Sie mussten hier weg, ganz klar. Mohamad lief rückwärts, behielt die anderen im Auge, richtete die Waffe auf sie, betete, nicht schießen zu müssen. Er konnte schießen, vielleicht ahnten sie das.

Endlich waren sie an der Straße, außer Sichtweite der Leute vom Hof. Mohamad steckte die Waffe ein. „Danke, junger Mann, Sie haben uns das Leben gerettet.“ Sagte die ältere Dame. „Kein Problem“, antwortete Mohamad. „Das vergessen wir Ihnen nie“, sagte eine der beiden anderen, erkennbar Zwillinge. Mohamad zuckte nur mit den Schultern, was hätte er dazu sagen sollen. „Ich schlage vor“, sagte wieder die ältere Dame, „wir hauen erst mal von hier ab. Da vorne ist die Bushaltestelle, ich geb ne Runde Fahrkarten aus, wir gehen zu mir und essen erst mal etwas.“ Die beiden Frauen nickten, Mirjam und Mohamad wussten nicht, was sie sagen sollten. „Ich heiße Irmi, das hier sind Monika und Helga. Wie heißt ihr?“ Sie sagten ihre Namen.

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