28.08.2011 – 264-

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ha, ha. Ich seufzte laut auf. Konnte mir zur Abwechslung nicht einmal eine weniger dämliche Tröstung einfallen? Die Hoffnung stirbt zuletzt, Moritz Klein stirbt also vorher und seine Hoffnung stromert heimatlos wie der letzte Penner über die Erdscheibe. „Hey, brauchen Sie zufällig eine ziemlich robuste Hoffnung? Ganz wohlfeil, universell einsetzbar.“ Interessenten würde es genug geben und die Hoffnung des Moritz Klein wäre das, wozu sie in die Welt gesetzt worden war: Ein Furz von Selbstberuhigung, kurz vor dem Ableben.

„Die tun uns schon nix“, sagte Katharina, „die warten nur ihr Islandding ab und dann…“ Das Pünktchenende beruhigte uns keineswegs. Borsig hatte seine Schalkemütze abgezogen, drehte sie in den Händen, dachte vielleicht an seine größte Lebenslüge, die abstruse Annahme nämlich, Schalke 05 sei eine klasse Fußballmannschaft und Dortmund der Teufel mit acht Buchstaben.

Seit man uns hier eingeschlossen hatte, war niemand mehr aufgetaucht, nicht einmal, um uns mit Wasser und sonstigem Proviant zu versorgen. Für einen schrecklichen Moment mutmaßte ich, wir seien auserkoren, die große afrikanische Hungersnot im Kleinen nachzustellen. Doch dann näherten sich Schritte.

„Aha“, sagte Katharina und es klang wie „Aber bitte beschädigen Sie meine Halskette nicht, wenn Sie mir gleich den Kopf abschlagen.“ Borsig seufzte und setzte sein Mützchen auf, Schalke war doch eine tolle Mannschaft, im Angesicht des Todes eine lässliche Lüge. „Sie bringen Verpflegung“, hoffte ich irrsinnigerweise. „Hoffentlich keine Brötchen mit Schwartenmagen drauf, ich hasse Schwartenmagen“, tat Borsig überraschende Details seiner kulinarischen Befindlichkeiten kund. „Wie ist es eigentlich, eine Kugel in den Kopf zu kriegen?“ fragte Katharina. Wir wussten es mangels einschlägiger Erfahrung nicht. Der Schlüssel wurde gedreht.

„Aha“, machte Jonas. Laura schwieg, ich sagte an ihrer Statt „cool“. Es war eine ehrliche Gefühlsäußerung. „Habt ihr die Tür von außen zugesperrt und kommt jetzt nicht mehr raus oder was läuft hier eigentlich?“ Jonas‘ Humor war nie köstlicher gewesen, ich hätte den Wonneproppen knutschen können. Katharina tat es. „Ey, ihr Zwerge seid einfach geil! Und jetzt raus hier.“ Gute Idee.

Aber einfach so abhauen? Mir war irgendwie danach, die Bude abzufackeln, wenigstens diesen Johann auf gute alte deutsche Art zu verprügeln. Doch schon schlichen wir über den Flur dem Ausgang entgegen und meine Entrüstung verflüchtigte sich mit dem Körper, der sie transportierte,. Wir erreichten den Zaun, schwangen uns drüber, atmeten auf und durch. Und jetzt?

„Jetzt bin ich frei!“ jubelte Katharina, „nächsten Monat wird ich achtzehn, dann zahlt mir der Alte jeden Monat 3000 Affen oder ich erzähl alles, was ich über ihn weiß und das ist eine Menge.“ Glaubten wir unbesehen. „Und ich hab Hunger“, meldete sich Borsig. Hatten wir alle. „Und bis dahin ziehst zu uns“, schlug Jonas vor, schaute vorsichtshalber zu Laura, die nickte es, wenn auch zögernd, ab. „Supi“, kommentierte Katharina. Ich spielte den Spielverderber und sagte, was ich die ganze Zeit dachte: „Und jetzt?“ Fünf Menschen, die eine Fahrgelegenheit in die Stadt suchten, schwiegen. „Mama anrufen“, sagte Jonas endlich. „Gib ma Handy, Laura.“

„Meldet sich nicht. Hm.“ Wir telefonierten rund, niemand meldete sich. „Könnte es sein“, meldete sich wenigstens Borsig, „dass hier gerade etwas furchtbar schiefläuft?“ Könnte sein. Wir ersparten uns die naheliegende Antwort. Standen an der Bushaltestelle, froren und warteten auf Beförderung. Der Bus kam nicht. Dafür kam ein Telefonanruf auf Lauras Handy.

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