27.08.2011 –263-

Wo bin ich? Was ist geschehen? Warum brummt mein Schädel und wem gehört der überhaupt? Nicht dass sich Konstantin Marxer, Dichter und Autor erfolgreicher Kriminalromane, das wirklich fragte. Solche verbale Dramatik überließ er den Protagonisten seiner Thriller. Doch er starrte in eine trübe Lichtquelle, eine nackte Glühbirne von bescheidener Wattleistung, und ahnte, es sei an der Zeit, solche Fragen zu stellen. Aber wem? Vielleicht dem lieblichen Antlitz, das sich soeben zwischen die Augen und die Glühbirne schob, einen Kussmund machte und „Na, bist wieder wach?“ murmelte. Marxer murmelte zurück. „Oxana.“

Die Angesprochene lächelte, ihr Kopf verschwand aus dem sehr eingeschränkten und getrübten Bild, das Marxers Augen zustande brachten, ein anderer erschien, nicht hässlich, aber im Vergleich zu dem Oxanas gewaltig und zu einem ebensolchen Leib gehörend, wie Marxer mutmaßte. „Sorry“, sprach es aus dem Kopf, „aber ich konnte ja nicht wissen, dass du zu den Guten gehörst.“

Der Würgegriff – sein Hineinstürmen in das Zimmer – die Aktion zuvor, die gerade Früchte zu tragen versprach: Marxer erinnerte sich langsam an alles, wenn auch chronologisch rückwärts. „Sind sie da?“ Es kam kaum hörbar von den Lippen und der große Mund des großen Kopfs der großen Frau beugte sich vor. Marxer wiederholte. „Sind sie da? Die Facebooker?“ Fragezeichen nicht nur am Satzende, auch im Gesicht der Frau, wie auch immer. „Ich habe doch die Facebookparty hier angeleiert. Großmuschelbach beim Fotofritzen, es gibt Häppchen und Alk bis zum Abwinken.“ Dann dröhnte plötzlich sein Kopf, denn die Frau lachte. „Du warst das? Mann! Da draußen stehen 2000 Leute und mischen das Kaff hier auf! Hörst nicht?“

Marxer lauschte und hörte. Es war wie im Fußballstadion, nur lauter, als fiele permanent ein Tor. „Tja, die beiden Jungs hier sind nervös geworden, als die ersten an der Tür geklingelt haben. Gute Gelegenheit für mich, dem Dicken die Knarre aus der Hand zu hauen. Der Rest war einfach, nichts weiter als brutale Frauenpower.“

Jetzt spürte Marxer eine Hand unter seinem Hinterkopf. Vorsichtig wurde dieser angehoben und eine andere Stimme, die Oxana gehören musste, sagte: „Setz dich erst mal auf. Aber erschrick nicht. Die Jungs sehen leicht lädiert aus.“ Die Untertreibung des Jahrhunderts. Zwei Arme griffen unter die des Dichters, der nun auf seinem Hosenboden und dieser auf einem verschlissenen Teppichboden hockte und um sich schaute. Anzeichen eines Kampfes. Auch so eine Untertreibung. In einer Ecke lagen, gut verschnürt, zwei dickliche ältere Männer und bluteten vor sich hin. Dass sie noch lebten, verrieten nur ihre Augen, und wenn Marxer noch einmal „Man sah Angst in ihren Augen“ schreiben würde, er hätte stets das Bild der beiden Männer vor sich. Jetzt sah der Dichter auch Sonja Weber, die ihm aufmunternd zulächelte. Und zwei weitere Frauen am Tisch, die ihm ebenfalls aufmunternd zulächelten, zwei Frauen der Sonderklasse, was Größe und Gewicht anging. Marxer erschauderte. Und hörte die Stimme der einen von vorhin: „Noch mal sorry, aber ich war grad so schön am Prügeln, dass ich dachte, du wärst auch einer von denen. Aber is ja nix passiert. Ohne dich hätte das nicht funktioniert.“

Dann kam Oxana mit einer Tasse, aus der es dampfte. „Kaffee“, sagte sie, „trink mal, mein Held.“ Reichte sie ihm und ließ einen flüchtigen, aber immerhin einen Kuß auf der Stirn des Helden zurück. Der trank in kleinen Schlucken. Tat gut, obwohl er husten musste. „Ich verstehe gar nichts. Was soll das hier? Was sind das für Typen? Was ist hier passiert?“ Oxana streichelte ihm zärtlich über den Kopf. „Werden wir dir alles erzählen, mein Großer. Du hast übrigens was bei mir gut.“ Oh. Mein. Gott. „Aber zuerst müssen wir überlegen, wie wir von hier weg kommen. Draußen verstopfen 2000 junge Leute die Straßen.“ Aus drei gewaltigen Mündern kamen gewaltige Stöße monströser Erheiterung. „Na, das lass mal unsere Sorge sein, Schätzchen.“

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