26.08.2011 –262-

Mauritz Kriesling-Schönefärb hatte es nie leicht gehabt im Leben, denn es war nie schwer genug gewesen. Die Dialektik der privilegierten Geburt, so sein Soziologieprofessor, du bist einfach ein verweichlichter Warmduscher, so seine Ex Susanne, bevor sie mit Papas Geld in Cambridge zu studieren anfing. Als Sohn eines Managers (mittlere Führungsebene) der mittelständischen Industrie gnadenlos in eine Jugend des Wohlstandes gepresst, fiel ihm das Lernen leicht, ebenso der Kontakt zum anderen Geschlecht. Hindernisse wurden, wenn sie denn auftauchten, mit eleganter Nonchalance überwunden und so träumte sich Mauritz Kriesling-Schönefärb locker durch sein Dasein, das eben da war, nichts weiter, nicht erkämpft werden musste, narbenlos und mit jener Beiläufigkeit seinem Ende zu lief, von dem der Dichter sagt, es sei wie der Anfang, nur ein paar Jahre später.

Darum litt Kriesling-Schönefärb wie ein Hund. Doch erst jetzt, als diese drei Gestalten ins Freie traten, wurde ihm bewusst, dass das Leben auch anders sein konnte: riskant, ja, tödlich, schmerzhaft, schmutzig wie seine Schuhe und Hosenbeine. Er musste handeln. Eine Frau befand sich in höchster Gefahr für Leib und Leben. Ein Slogan, etwas Griffiges musste ihm einfallen, sofort.

Jetzt, sofort. Irmi ließ den Schirm nach vorne schnellen, zielte mit seiner Spitze auf des Konrads Gemächt und stach zu. Ein fürchterlicher Schrei erschütterte Mark und Beine, detonierte an den Wänden, zugleich stürzten sich die Zwillinge auf den Rainer und machten ihm klar, dass Furien kein mythologisches Hirngespinst waren, sondern kratzende, beißende, ihre Knie in Weichteile versenkende Realität. „Und jetzt raus hier, Mädels“, kommandierte Irmi, einen befriedigten Blick auf die am Boden sich krümmenden Männer werfend. Es ging ihr plötzlich saugut.

Ein Slogan. Die Ersparnisse sind sicher. Wenn der Grieche kriecht, kriecht auch die deutsche Wirtschaft ihren Kriech. Nein, passte nicht. Kriesling-Schönefärb trat auf die Lichtung und räusperte sich. Das Kreuz durchdrücken, größer wirken. War doch alles Psychologie, das ganze Leben die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Genau. Falsche Tatsachen.

„Polizei! Sie sind umstellt! Lassen Sie die Dame los, legen Sie sich mit ausgestreckten Armen auf die Erde!“ So, es war raus und konnte nicht mehr revidiert werden. Keine Bundeskanzlerin, die „ganz nett für den Anfang“ sagte, kein Finanzminister, der vorschlug, eine Arbeitsgruppe zu gründen, um an der Sprache zu feilen, bevor er den Spruch spontan während einer Talkshow in die Öffentlichkeit schicken würde. Wow, das war das Leben! Entweder es klappt oder es klappt nicht, Trumpfas oder Arschkarte, goldener Mauritz oder schwarzer Peter, ein Menschenleben gerettet oder ein Messer zwischen den Rippen.

Sie standen im Freien. Sollten nur kommen, die Arschlöcher. Die ließen sich das nicht zweimal sagen und waren da. Jene beiden Typen, die die Zwillinge hierher gebracht hatten, astreine Ganovenfressen, grinsten auch schon vorfreudig. Die Tussen aus der Kommune, gewiss zu ähnlichen furiosen Leistungen fähig wie Irmi und ihre Mädels. Ein Schwarzer. Der kam gerade um die Ecke, eine Reisetasche in der Linken, eine schöne ebenholzfarbene Frau an der Rechten. „Greift Sie euch!“ zischte eine der Kommunentussen. Die beiden Typen lachten. Einer zog eine Waffe, richtete sie auf Irmi. Das war es also. Ende. Der Schwarze stellte langsam seine Tasche ab und ließ die Hand seiner Begleiterin los.

Der Mann ließ das Messer fallen, streckte die Hände in die Luft. Einen Moment später rammte ihm die Frau, der Klinge ledig, einen Ellenbogen auf den Solar Plexus, der Mann sank still zu Boden. Die andere Frau begann zu kreischen, hysterischer Anfall. „Hinlegen!“ hörte sich Kriesling-Schönefärb befehlen. Die Frau tat es, die andere kam ihm entgegengelaufen. „Geil, Herr Kriminalhauptkommissar!“ schnaufte sie. „Ich hab doch nur meine Pflicht getan“, wiegelte Kriesling-Schönefärb ab. Und dachte: „Geil, das ist das Leben!“

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