24.08.2011 –260-

„Der Regenschirm“, sagte Irmi. „Da in der Ecke. Gibst ihn mir mal, Moni? Oder Helga?“ Sie hatten sich in ihrem Gefängnis, diesem ehemaligen Schweinestall, nach einer Waffe umgeschaut, und der Regenschirm entsprach wenigstens annähernd der Vorstellung eines Gegenstandes, mit dem man ein Auge ausstechen, einen Schädel malträtieren oder einem Mann genitalisch böses Aua machen konnte.

Draußen waren mehrere Autos vorgefahren. Die Land- und Geldloskommune Antonio Gramsci hatte also mehr zu bieten als vier in die Jahre gekommene Retrofreaks. Von den beiden Kerlen, denen die Zwillinge ihr Hiersein zu verdanken hatten, gar nicht zu reden. Vielleicht veranstalteten sie eine Krisensitzung. War ja gerade wieder modern. Eine Arbeitsgruppe „Zeugenbeseitigung“. Brauchten Hilfe bei der Entsorgung dreier Leichen. Keine guten Aussichten. Der Regenschirm machte auch nicht den Versuch, sich als preisgünstige Alternative zu einer soliden Kalaschnikow zu verkaufen.

„Wir werden uns nicht kampflos ergeben!“ Irmi sagte es den Zwillingen immer wieder vor. Man musste wütend werden, seine gute Kinderstube vergessen, „Macht kaputt was euch kaputt macht“, das Lied von Ton Steine Scherben fiel ihr wieder ein. Ok, da war Claudia Roth mal Managerin gewesen, die grüne Claudia, ausgerechnet! Das machte Irmi nur noch wütender. Sie war gegen Gewalt, aber sie verstand, warum Menschen gewalttätig wurden. Kids in den Londoner Slums, in den Pariser Vororten, auf den Madrider Plätzen. Wer Menschen wie Tiere behandelt, darf sich nicht wundern, wenn sie wie Tiere reagieren. Instinktiv um ihr Leben kämpfend, ungezügelt, unkultiviert, während die andere Gewalt, die kultivierte, sich als Ignoranz tarnte, als Desinteresse, als hochzivilisiertes Nachdenken, wie man selbst am günstigsten aus der Nummer herauskäme. Mümmelfressen, die indigniert von „Kriminellen“ schwafelten, sich fragten, warum nicht jeder Unterdrückte und Verarschte als Mutter-Theresa- oder Mahatma Gandhi-Jeck zum Karneval des Lebens schritt. Ja, das ist gut, Irmi, empöre dich.

Sie erklärte es den Mädels, die nickten auch artig. Man besah sich den Schirm. Er hatte eine verrostete Spitze, die wehtun würde, wo immer sie auf Haut, Fett, Fleisch, Knochen traf. „Ich spiele das arme, unschuldige Mütterlein kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Ihr macht auf verängstigte Häschen. Heulen könnt ihr doch, oder? Wozu seid ihr schließlich Mädels, Tränen gehören doch zu unserer Grundausstattung wie Lippenstift und Tampons und Labello.“ Auch das wurde umgehend bestätigt.

Irmi legte den Schirm unauffällig neben sich. Sie warteten. Von draußen drang gedämpft Hektik zu ihnen, Stimmen und Stolpern, Geschrei und Gemurkse. Endlich machte sich jemand an der Tür zu schaffen, sie war mit einem großen Vorhängeschloss und einer Kette versehen worden. Der Rainer und der Konrad traten ein, „Obacht Mädels“, zischte Irmi noch schnell, „verlasst euch auf euer Gefühl. Und jetzt bitte heulen und wehklagen.“

Die Zwillinge begannen zu heulen und zu wehklagen. Irmi stöhnte laut auf, zitterte, sah den beiden Männern ängstlich und demütig zugleich entgegen. „Lasst uns doch laufen, wir verraten doch nix!“ Es klang herzzerreißend und die Zwillinge fügten im Chor ein dramatisch gebrochenes „Jaaaaa“ hinzu. Der Rainer und der Konrad wurden sichtlich verlegen. Keine Berufskiller, immerhin. „Ihr blöden Schnallen, das hättet ihr euch vorher überlegen sollen“, sagte der Konrad und kam näher. Noch nicht nahe genug. Irmi versuchte sich zu erheben, tat so, als brauche sie den Schirm, um sich aufzustützen. Mein Rettungsschirm, dachte sie und frohlockte. Sie fixierte jene Stelle an des Konrads Körper, die ihr vergangene Nacht noch durchaus unerwartetes Vergnügen bereitet hatte. Auch die Zwillinge erhoben sich nun, sie spielten ihre Rolle aus Klageweiber perfekt, rauften sich die Haare, ließen dem Tränenfluss freien Lauf. „Hört mit dem Gegreine auf!“ forderte der Rainer und kam ebenfalls näher. Irmi taumelte. Stöhnte „Oh Gott, mein Herz!“ und griff sich an die entsprechende Stelle. Der Konrad machte zwei rasche Schritte, wollte Irmi auffangen. Sein Fehler.

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