23.08.2011 –259-

Es regnete und Mauritz Kriesling-Schönefärb hatte keinen Schirm dabei. Die Natur machte sich über ihn lustig, der Gott der Metaphern und schiefen Bilder verarschte ihn. „Fahren Sie aufs Land, gehen Sie spazieren, kriegen Sie den Kopf frei für den genialen Einfall! Europa braucht Sie!“ Die Bundeskanzlerin hatte es Kriesling-Schönefärb beinahe mütterlich ins Ohr geflüstert und hinzugefügt: „Basteln Sie uns einen hübschen Rettungsschirm und vor allem die Gebrauchsanweisung fürs Wählervolk.“ Und jetzt regnete es wirklich. Mauritz Kriesling-Schönefärb irrte durch einen ihm unbekannten Wald und hatte keinen Schirm dabei.

Natürlich war er ein Genie. Einer, der in keinem Krisenstab fehlen durfte, ein Mann, dessen Spezialität es war, gordische Knoten mit der scharfen Klinge seines Verstandes zu durchschlagen. Wer hatte denn der Alten bei der ersten großen Finanzkrise 2008 geraten, sich mit dieser Karikatur von Finanzminister zusammen vor die Fernsehkameras zu stellen und „Die Ersparnisse sind sicher“ zu mümmeln? Er! Mauritz! Kriesling! Schönefärb! Dabei war das Quatsch gewesen. Aber hilfreich. Er hatte den Spruch geklaut und aktualisiert, „die Renten sind sicher!“, so lautete das Original von einem heute gottlob vergessenen Kleinpolitiker vor Jahrzehnten unverblümt in die Welt hinaus gelogen. Aber nun? „Der Euro ist sicher.“ Glaubte einem keine Sau. „Der Rettungsschirm ist aufgespannt.“ Ja logo. Aber was half einem der schönste Schirm bei Starkregen und Orkan?

Und jetzt auch noch die Isländer. Scherten einfach aus. Er hatte die Mächtigen der EU bekniet, sich des isländischen Problems auf elegante und preiswerte Art zu entledigen. Island wurde von 300.000 Hanseln bevölkert. Würde man jedem eine Million Euro aufs Girokonto überweisen, hätte man für summa 300 Milliarden Ruhe. War doch kein Geld heutzutage! Aber nein, man wollte die Griechen, die Spanier, die Italiener nicht auf dumme Gedanken bringen, als hätten die jemals andere gehabt. Jetzt hockten sie bis zum Kinn im Salat. Rettungsschirm aufspannen. Kriesling-Schönefärb, lassen Sie sich einen geilen Spruch einfallen, damit wir der Bevölkerung ihre sukzessive Ausplünderung als staatliche Wohltat verkaufen können. Das sagte sich so einfach!

Er hatte sich ins Auto gesetzt und war losgefahren. Irgendwo hin, ziellos. Hier gelandet. Ausgestiegen, sich die Beine vertreten wollen, den Kopf frei kriegen. War natürlich schiefgegangen. Er stapfte durch letzte Schneepfützen, knöcheltiefen Morast. Er dachte unsinnigerweise an seinen letzten Geschlechtsverkehr, der mit der Sekretärin eines Staatssekretärs ausgeübt worden war. Wie tief konnte man eigentlich sinken, damit man endlich oben auf der Karriereleiter landete? Er musste hier raus. Aus diesem Wald, aus seinem Leben. Er käme nicht heraus. Vielleicht aus diesem Wald, bestimmt nicht aus seinem Leben. Deutschland brauchte ihn doch.

Der Regen hatte nachgelassen, aber es war zu spät. Mauritz Kriesling-Schönefärb stand völlig durchnässt auf einer Lichtung, ihn fröstelte. Eine Erkältung konnte er sich nicht leisten, auch sterben konnte er sich nicht leisten. Wieso sterben? Was für ein Gedanke war ihm da plötzlich in den Kopf gekommen? Zwischen den Bäumen glänzte etwas Helles, ein Wink der Zivilisation, ein Gebäude. Kriesling-Schönefärb setzte seine Füße vorsichtig ins Unterholz, die dürren Zweige knackten wie angesägte Währungen, es war, als schrieen sie. Solche Geräusche kannte er nur von Börsianern, die sich nach einem Crash aus dem 23. Stock ihrer Geldtürme stürzten. Aber hey, alles wird gut. Da vorne, keine zwanzig Meter mehr, wartet die menschliche Rasse wieder auf dich, ein gediegenes Jagdhaus, zwei Autos stehen davor, gastfreundliche Leute aus der gehobenen Gesellschaft, man wird dir heißen Tee und frische Brötchen servieren, angeregt plaudern. Vielleicht darfst du sogar duschen und im Bademantel des Hausherrn ausruhen, bis deine Klamotten getrocknet sind.

Die Tür des Hauses öffnete sich. Eine Frau trat heraus. Eine zweite Frau folgte. Und ein Mann. Er hielt die zweite Frau um die Hüfte gepackt, in der anderen Hand ein Messer, an der Kehle der Frau.

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