21.08.2011 –257-

Marxer wartete eine halbe Stunde, doch Vika meldete sich nicht mehr. Wieder ein Cliffhanger, kein Grund zur Beunruhigung. Er war sowieso hippelig geworden, bereit zu schöpfen, die Kelle der dichterischen Imagination in den Brunnen der Wörter zu tauchen. Das Kapital des Autors, die härteste Währung der Welt: Sprache. Sätze, die wie Münzen klimpern. Mochten die Amis Pleite gehen, die Europäer Schuldenlöcher in den Boden der Ägäis hacken; einer wie Marxer war immer flüssig, vermehrte sein Vermögen vor einem handelsüblichen Laptop dank simpler Fingergymnastik.

Eine Seite knackiger Prosa entstand, rauschhafte Syntax, Satzzeichen als Orgasmen, Adjektive schnitten Bilder aus Substantivblöcken. Alles abspeichern. Puh. Die Zigarette danach. Marxer brauchte Auslauf, er fühlte sich hündisch, musste an die Leine, irgendwo herumstromern, das Bein heben. Großmuschelbach. Oxana, nach der er sich sehnte, Sonja Weber, nach der er sich sehnte, die unbekannte Isländerin, nach der er sich der Vollständigkeit halber auch sehnte. Frauen halt. Marxer liebte Frauen. Sie waren so anders, irgendwie… vollkommener. Auch Schriftsteller strebten nach Vollkommenheit und vielleicht war ein vollkommener Text nichts weiter als die Nachahmung einer vollkommenen Frau, eine Sublimation, ein Ersatz.

Er entsann sich auf einmal seiner Jugend. Marxer. Ein pickliger Jüngling, notorisch untervögelt, das heißt: eine männliche Jungfrau, wie sie im Buche steht. Er beneidete die Mädchen, die nur mit dem Finger zu schnippen brauchten und schon SEX haben konnten. Sogar die hässlichsten, sogar Marianne, 2 Zentner Lebendgewicht, aus der 8. Klasse. Wie machten die das? Warum konnten Männer sich nicht beherrschen, warum konnten sich Frauen beherrschen, vor allem, wenn sie auf Marxer trafen? Damals hatte er zu schreiben angefangen. Erotische Kurzgeschichten im Stile Hemingways, einen anderen Schriftsteller kannte er auch gar nicht und Hemingway nur, weil er ein zerfleddertes Taschenbuch mit Stories von ihm auf dem Flomarkt gestohlen hatte. So hatte alles begonnen. Und warum? Weil er die Frauen darum beneidete, so viel Sex haben zu können wie sie nur wollten. Immer und überall.

So liefen die Wörter aus Marxer heraus, als er seinen Wagen gen Großmuschelbach lenkte. Er hatte ein Leck im Gehirn, die Gedanken tropften unablässig auf die harte Rinde des Kleinhirns. Vollkommenheit, gab es die überhaupt? War die Bundeskanzlerin, weil sie eine Frau war, vollkommener als, sagen wir, Obama? Ok, schlechtes Beispiel. Obama war vollkommen. Vollkommen erledigt, gedemütigt, ernüchtert, ein ausgelutschter Teebeutel im Glas eines grenzdebilen Teilnehmers bigotter Partys. Und, Frage aller Fragen, was machte Frauen vollkommener als Männer? Dass sie nicht schwanzgesteuert waren? Waren sie doch! Indirekt. Nicht die ewigen Probleme mit dem Testosteron hatten? Dafür schlugen sie sich mit Östrogenen herum. Nein, es war etwas anderes, Geheimnisvolles. Marxer entschloss sich, einen Bestseller darüber zu schreiben, ein Sachbuch zur Mann/Frau-Problematik. Titel: „Die Frau – das vollkommene Wesen“.

Großmuschelbach am frühen Nachmittag. Marxer verspürte Hunger, wusste instinktiv, dass er hier nichts zu essen bekommen würde. Der Ort war klein, doch groß genug, um Oxana und ihre Begleitung nicht sofort zu finden. Der Lieferwagen vor dem Fotogeschäft. Passte nicht hierher. Und Fotogeschäft? Da war doch was gewesen. Genau, der Alte. Marxer parkte seinen Wagen etwas abseits und stieg aus. Es war wie in diesem Western mit Gary Cooper und Grace Kelly, alle Straßen leer, hinter den Fenstern bückten sich ängstlich die Einwohner und warteten auf den Showdown. Unheimlich irgendwie. Ein Gefühl sagte Marxer, er solle nicht an der Ladentüre rütteln. Gab es einen Hintereingang? Es musste einen geben. Rechts ein schmaler Durchgang, fastdunkel, gefährlich. Aber das Dichterleben war nun einmal gefährlich. Also hinein. Mit vorsichtigen Schritten, deren Akustik dennoch von den Wänden zurückprallte. Egal.

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